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m² // Take-off-Festival // 22.01.12

Wann haben Sie sich das letzte Mal Gedanken darüber gemacht, an welche Regeln wir uns jeden Tag halten, damit unsere Gesellschaft funktioniert? Ich gebe zu: bei mir ist es schon länger her gewesen, da viele Dinge selbstverständlich geworden sind und man sie gar nicht mehr als Regeln für das Funktionieren einer Gesellschaft empfindet. Die Compagnie Ea Eo, die von vier jungen Belgiern 2006 ins Leben gerufen wurde, zeigte nun im Rahmen von „Take-off: 5. Festival Junger Tanz“ im tanzhaus nrw mit ihrer Performance „m²“, wie Gesellschaft funktioniert, aber auch, vor welchen Gefahren sich eine Gesellschaft schützen muss.

„m²“ ist eine Mischung aus Tanz, Akrobatik und Jonglage. Die vier Belgier kommunizieren miteinander auf der Bühne, indem sie jonglieren. Auffällig ist, dass die Darsteller ausschließlich auf einer speziell ausgelegten Laminatfläche performen, die im Laufe des Stückes immer kleiner wird. Auf dieser Fläche spielen sich in der Performance verschiedene Alltagssituationen ab, welche die vier Darsteller mit Witz und Humor an das Publikum herantragen. So streiten sie sich zum Beispiel um einen Stuhl und erinnern damit an das tägliche Gerangel um einen Sitzplatz in öffentlichen Verkehrsmitteln, aber auch an unsere Manieren, Schwangeren, Kranken und Rentnern einen Sitzplatz anzubieten. „m²“ weist aber auch auf Gemeinsamkeiten, Individualität, Gruppenzwang, Kampf um Anerkennung, Selbstzweifel, Unterstützung, Kontaktfreude, Ablehnung, Neid und Hilfsbereitschaft als Merkmale einer Gesellschaft hin. Jeder einzelne versucht, sich in einer Gesellschaft zu behaupten und seinen Platz darin zu finden. Dies ist ein schwieriger Prozess, der mit Höhen und Tiefen einhergeht.

In dem Stück „m²“ wird der Zuschauer Zeuge von dem schwierigen Kampf um den Erhalt des persönlichen Freiraumes von Darsteller Eric. Er wird von seinen Mitmenschen beeinflusst und bedrängt. Sie lassen ihm kaum Zeit, seine Entscheidungen selbst zu treffen und bedrängen ihn mit Umarmungen und Berührungen, die von Eric mal als angenehm, aber auch als beengend empfunden werden. Eric versucht schließlich, sich seinen eigenen Weg zu bahnen und so zu leben, wie er möchte. Er scheint es zu schaffen, doch die Laminatfläche, die den individuellen Freiraum symbolisieren soll, besteht am Ende des Stückes nur noch aus einem Quadratmeter. Die vier Darsteller halten sich zu viert auf diesem Quadratmeter auf und als Streit entsteht, fällt Eric aus dem Quadrat und verliert somit den Kampf um Selbstbehauptung in der Gesellschaft.

Unsere Gesellschaft wächst immer weiter, gleichzeitig schrumpft der Platz, den der Einzelne besitzt, um sich zu verwirklichen. Die wohl größte Herausforderung für die Menschen in einer Gesellschaft ist es, untereinander Kompromisse einzugehen, gleichzeitig aber auch den individuellen Freiraum zu wahren. Jeder soll die Möglichkeiten erhalten, sich in der Gesellschaft persönlich zu erfüllen. Die Jonglage dient den Darstellern dabei als Hilfsmittel. Sie symbolisiert, dass es viel Geschick und Konzentration erfordert, um ein harmonisches Zusammenleben in der Gesellschaft zu ermöglichen.

Die Darsteller appellieren in „m²“ an das Publikum. Die Menschen müssen sich einig darüber werden, wie sie leben möchten. Nur auf diese Weise kann eine Gesellschaft funktionieren. Die Menschen beeinflussen sich gegenseitig und sind voneinander abhängig. Trotzdem muss für jeden Einzelnen noch ein Freiraum erhalten bleiben. Eine Gesellschaft darf diesen Freiraum nicht einzuschränken, sonst geht der Einzelne verloren.

Foto: Damien Thiberge

Veranstaltung
  • 22.01.2012

Location