Rezensionen

„Zukunft hat was“ // 1. ARTig-Festivaltag // 24.11.11

Von Kathi Ley

5-4-3-2-1-LOS! Auf ins Leben, die Dinge genießen, alles mitnehmen, was kommt. Wäre da nicht diese ständige Last, diese Angst vor dem Neuen, Unbekannten, Unkontrollierbaren.

Es gibt viele Wege, die ich gehen kann; doch was, wenn ich mich gerade für den falschen entscheide?

Diese Frage scheinen sich auch Anna Platen und Marie-Theres Gröne unter der Regie von Emilie Haus gestellt zu haben. Wie besessen laufen sie aneinander vorbei und schreien sich beängstigende Zukunftsvisionen an den Kopf: Was mach ich nach dem Abi? Was ist, wenn ich mich für das Falsche entscheide? Wenn ich krank werde? Oder jemand zu sein, der ich gar nicht sein möchte? Große Entscheidungen stehen bevor. „Vergangenheit ist Geschichte und die Zukunft ungewiss.“ – Deshalb heißt es das „Hier und Jetzt“ am Schopfe zu packen, seine letzte Chance zu nutzen und im wahrsten Sinne des Wortes seine Angst zu ertränken. Nach dieser Erkenntnis scheint etwas aufgetaut zu sein. Es werden Geheimnisse ausgeplaudert; banale, so wie ekelerregende, bei denen ein überspielendes Lachen durch das Publikum geht: Von „Ich hasse Schweißflecken auf grauen T-Shirts.“ über „Ich schmiere meine Popel an öffentlichen Verkehrsmitteln ab.“ kommt es schließlich zum Wunsch irgendwo einzubrechen. Nun wird deutlich, was es heißt, das „Hier und Jetzt“ zu genießen, die Zukunft aus seinem Gedächtnis zu verbannen:

Werden Dinge wie Kohle, Wodka und Stage-Diving mit Jubelschreien begleitet, eingesteckt, landen Familie, Heiraten, Reihenhaus und nach kurzem Zögern auch Zukunft achtlos in der Ecke. Leben steht im Vordergrund. Leben definiert als Genuss, Konsum und Maßlosigkeit. (Und in all dem Trubel geht fast unter, dass eins der Mädchen doch noch die „Zukunft“ unter ihre Beute gepackt hat.) Und schon geht es weiter mit einer Filmsequenz, in der die zwei in ihren roten Catsuits durch das Nachtleben streifen. Ganz nach dem Motto „Nutten und Koks“ werden sich die Lines reingezogen, hängt man kotzend überm Klo oder völlig am Ende an einer Düsseldorfer U-Bahn-Haltestelle; die ein oder andere Szene dem Zuschauer, auch mir, nicht ganz unbekannt.

Bei der folgenden etwa dreiminütigen mit Stroboskoplicht begleiteten Discoszene zuckt es nur so in den eigenen Beinen, sich ebenfalls zu erheben und auf der Tanzfläche der völligen Sorglosigkeit, die die beiden Schauspielerinnen ausstrahlen, hinzugeben. Sagte ich die beiden?! Nein! Während die eine vom Beat der Musik vollkommen erfüllt ist, trägt die andere, die  zuvor schon den eigenen Lebensstil mit leichter Skepsis zu beäugen schien, sich auch eher widerwillig zum Tanzen erhob (und es nicht über sich bringen konnte, in ihrem Raubzug die Zukunft achtlos beiseite zu legen), eine Art Kampf aus. Einen Kampf, den sie gewinnt. Sie schafft es schließlich, ihr vom roten Catsuit begleitetes Partyleben abzustreifen und der Zukunft ins Gesicht zu schauen.

Wenn man zu Beginn des Stückes den Eindruck gewann, einen dicken Batzen philosophisch-theoretischer Überlegungen vor die Nase gesetzt zu bekommen, schafften es die beiden im weiteren Verlauf doch überzeugend einen Realitätsbezug herzustellen. So konnte sich der Zuschauer zum Beispiel in der 55-jährigen, von ihrem Mann getrennten Mutter, wiedererkennen, die das Gefühl hat, ihr ganzes Leben verpasst zu haben; oder in der Managerin, der eine große Karriere vorschwebte, die es am Ende dann aber doch nur bis zu Lidl schaffte … Schreckensvorstellungen, die wohl jeder schon einmal in seinem Kopf gewälzt hat.

Die Abbildung des Zustandes in unserer vor allem bei Jugendlichen mit Zukunftsangst gefüllten Gesellschaft ist auf jeden Fall sehr gelungen. Das Neben- und Miteinander der beiden Akteurinnen, die sich so ähnlich, aber auch unterschiedlich sind, wirft den Zuschauer umher – zwischen Sorglosigkeit und Umsicht, Genuss und sich nicht mehr vor der Zukunft verstecken. Und am Ende ergreift man ganz klar Partei: Reagiert unser „Partymäuschen“ bestürzt mit „So’n Scheiß!“ auf die Abstreifung des Catsuitlebens ihrer Freundin verlässt der Zuschauer mit einem ganz anderen Gefühl den Saal – denn ganz ehrlich, wenn man sich seiner Angst einmal stellt: „Zukunft hat was“!

Veranstaltung: ARTig-Festival 2011