von Eva Keuck
Ein mitreißend ekelhaftes Szenario mit zu viel Gesang
Das Publikum hat sich gerade niedergelassen. Einzelne Gäste huschen noch schnell auf ihre Plätze. Vor der Bühne steht Woyzeck. Sein fahles Gesicht hebt sich hart von dem riesigen, schwarzen Bühnenbild ab und scheint zu schweben. Sein Blick ist ausdruckslos in die Ferne gerichtet. Plötzlich löst sich die Kulisse an der oberen Fassung und fällt als eine gigantische, schwarze Falltüre herab, und das mit einer solchen Geschwindigkeit, dass im Zuschauerraum ein starker Windstoß zu spüren ist. Musik setzt ein und als sich die Kulisse gelegt hat taucht aus dem gähnenden Loch der Bühne eine wild brodelnde Jahrmarktszene auf. Eine Marktschreierin im viel zu großen Anzug und auf roten Plateauschuhen tanzt im Scheinwerferlicht und preist ein sprechendes Pferd an. Eine Hure sonnt sich unter den Blicken der Männer. Ein chaotisches Orchester spielt Zigeunerweisen.
Mittendrin steht Woyzeck. Ihn scheint das Geschehen nicht zu betreffen. Seine Augen wandern unruhig hin und her während er seine Militäruniform anlegt. Woyzeck, mit seinem bleichen Gesicht, will sich nicht recht in das Bild fügen, das sich dem Publikum dort bietet. Eine treffende Charakterisierung, wie ich finde.
Woyzeck ist ein Verzweifelter, ein Opfer der Gesellschaft und seines eigenen Verstandes. Er sucht stetig nach dem Guten zu streben. Jedoch kann er seinen Idealen nicht gerecht werden, da ihm hierzu, so sieht er es selbst, das nötige Geld fehlt. Er muss hart arbeiten und neben seinem eigentlichen Beruf eine zusätzliche Stelle bei der Armee annehmen, um seine kleine Familie, Marie und seinen Sohn zu ernähren. Marie indes zeigt wenig Dank für seine Bemühungen und führt eine heimliche Liebschaft mit einem anderen Mann. Zudem wird Woyzeck von seinem Doktor zu medizinischen Tests missbraucht, was seinen Geist krank macht. So irrt er immer weiter in eine Sackgasse hinein, der er nur durch den Tod zu entrinnen vermag.
Woyzeck ist vom Ensemble des Düsseldorfer Schauspielhauses sehr deutlich und nicht verfälscht dargestellt worden. Auch andere Charaktere wurden herausragend gut gespielt, so zum Beispiel der Narr und Marktschreier und auch der Doktor. Nicht so Marie. Die von Büchner als feiste aber auch naive Person beschriebene Marie wird in der Inszenierung des Düsseldorfer Schauspielhauses zur aufreizenden, provokanten Frau. Das macht die Rolle jedoch nicht aufregender, sondern verfälscht schlichtweg den Text Büchners.
Eine weitere, noch schmerzlichere Verfälschung sind die vielen solistischen Gesangseinlagen der Schauspieler. Das Wort Einlagen trifft es hier sehr genau. Die Lieder sind in englischer Sprache und sehr unpassend ausgewählt. Einzelne Lieder sind gut eingebettet in den Handlungsstrang und die jeweilige Situation. Andere wiederum sind so sinnlos, dass sie einen puffenden Charakter haben und das Stück zu lang erscheinen lassen. Der Versuch, das Stück so attraktiver zu gestalten ist leider in die falsche Richtung gegangen. So auch die Tatsache, das Woyzeck in einer Szene vom Doktor komplett entkleidet wurde, was im Zuschauerraum ein unbehagliches Raunen verursachte.
Sieht man davon ab ist das Stück jedem ans Herz zu legen, der Lust hat, einmal dem Klang einer singenden Säge zu lauschen, ein gut gelauntes Orchester zu erleben und sich von einem Schauspielteam mitreißen zu lassen, das es schafft, eine angenehm professionelle Verpeiltheit auf die Bühne zu zaubern.




