Rezensionen

Woyzeck // RLT Neuss // 24.10.11

Von Miriam Bittner

Allein schon bei dem Namen gruselt es mich. Wie froh war ich, als ich die 31 Seiten endlich durchgewälzt hatte. Schullektüre! Abiturrelevant! Das kann ja nichts Gutes bedeuten. Wobei … der Grundkonflikt ist gar nicht mal schlecht. Ist Franz Woyzeck schuldfähig? Kann man ihn für den Mord an seiner Freundin, an Marie verantwortlich machen oder war es letztendlich die Gesellschaft, der Tambourmajor, der Hauptmann und der Doktor, die den armen Kerl zum Monster gemacht haben?

Die Lektüre gibt dem Leser die Chance, sich seine eigene Meinung zu bilden, selbst zu entscheiden; bei der Inszenierung von Alexander Marusch im Rheinischen Landestheater wird uns die Antwort da eher auf dem Silbertablett präsentiert: Wer bei den ganzen Spinnern nicht verrückt wird, der ist erst recht nicht ganz normal! Da wird fröhlich heiter gekokst und Schampus gebechert, jeder geht jedem an die Wäsche, ob Männlein und Weiblein oder gerne auch mal Männlein mit Männlein. Komische Gestalten, der Hauptmann mit seinen langen, fettigen Haaren; der cholerische Tambourmajor; die geldgeile Marie; aber keiner toppt den Doktor mit seinem Köfferchen und dem blauen Pflegerleibchen.

Ehrlich, ich bin ja nicht prüde oder so, aber bei einigen seiner „Experimenten“ und „Untersuchungen“, da musste auch ich weggucken. Wie bringt’s die Handlung weiter, wenn das gesamte Publikum den nackten Hintern von Woyzeck (Stefan Schleue) zu Gesicht bekommt? Wie bringt’s die Handlung weiter, wenn der Doktor ihm einen Schlauch in den Penis stopft? Wie bringt’s die Handlung weiter, wenn Woyzeck seiner Geliebten den Ring von der Hand schneidet und den abgetrennten Finger (war’s ein Würstchen) auf die Bühne pfeffert? Da ist es wohl ein wenig mit dem Regisseur durchgegangen. Aber immerhin ist klar, bei wem die … nennen wir es nicht „Sympathie“, sondern eher „Empathie“ liegt. Den armen Woyzeck trifft’s echt hart und dabei wünscht er sich bloß ein bisschen Liebe.

Chapeau für die Schauspieler: die Durchgeknalltheit kommt an! Und Marie: gut gestorben!

Dieses Stück bietet definitiv eine andere Sichtweise auf das Drama.

Veranstaltung: Woyzeck