Rezensionen

Workshop “Physical Theatre”

Von Katja Panyutina

Als studentische Theaterlaien in einem Workshop für theatererfahrene Schüler – kann das gut gehen? Diese Frage beschäftigt mich, als wir am Sonntag Morgen den Schulhof des Goethe Gymnasiums betreten.

Hier beim Maulhelden-Festival sind Schultheatergruppen aus vielen NRW-Städten versammelt. Heute stehen ganztägige Workshops in gemischten Gruppen und die anschließende Präsentation auf dem Programm. Unser Ziel ist der „Physical-Theatre“-Workshop und wie der Name schon andeutet, ist viel Bewegung angesagt. Nachdem die Gruppe feststeht, begeben wir uns in einen großen Klassenraum. Schuhe aus und schon geht’s los mit Aufwärmübungen – genau genommen mit dem Sonnengruß. Sinn der Yogaübung ist hier aber nicht nur das Aufwärmen, sondern auch die Synchronität der Bewegungen.

Denn beim Physical Theatre ist es wichtig, dass die Gruppe Bewegungen gleichzeitig ausführen kann, ohne dass der Impuls sichtbar wird – es muss also ein gemeinsames Gefühl entstehen. Also versuchen wir uns auch im gleichzeitigen Springen, was zum Teil erstaunlich gut klappt, bis man die Gruppe sogar tatsächlich fühlen kann.

So stellt auch der Altersunterschied – von Unterstufe bis zu uns Studenten – überhaupt kein Problem dar.. Alle sind offen und haben Spaß an der Sache. Keine Zurückhaltung, keine Scham, keine Peinlichkeiten. Der Gedanke, albern zu wirken, verschwindet schon bei der ersten Übung. Das liegt auch an unserer Leiterin Sharlene Anders, die, wie sie selbst sagt, zum Theater gekommen ist, wie „Maria zum Kind“: Sie führt souverän, aber auch mit viel Freude durch den Workshop.

Und dieser hat es in sich. Wir bewegen uns auf einem imaginären Raster im Raum, bekommen die Auswahl zwischen unterschiedlichen Tempi, unterschiedlichen Leveln (von nach oben gestreckt bis auf dem Boden liegend) sowie die Möglichkeit, die anderen zu kopieren.

Diese Art, Bewegung zu gestalten, ist angelehnt an die Viewpoint-Theorie: Tempo, Topographie, Wiederholung. Level und weitere Aspekte sind die sogenannten „Viewpoints“, die man beachten soll. Und je mehr dazukommen, desto komplizierter wird es. Die schwierigste Aufgabe ist wohl, drei Leute gleichzeitig nachzumachen – von einem kopiert man die Richtung, vom anderen das Tempo und vom dritten das Level. Und das alles, während sich alle durch den Raum bewegen und ständig ihre Bewegungen ändern!

Für Dritte müssen durch den Raum wandelnde, hüpfende, laufende, oder sich auf dem Boden rollende Jugendliche sehr belustigend aussehen. Sieht man aber genauer hin, erkennt man eine Dynamik, die z.B. sichtbar wird, wenn sich eine gemeinsame Bewegung weiterentwickelt, oder einer von der Gruppenbewegung ausgeschlossen bleibt.

Doch was werden wir am Ende des Tages eigentlich präsentieren? Sharlene schlägt das Thema „Elemente“ vor, zu dem wir gemeinsam eine kurze Choreogaphie entwickelm sollen.Welche Sätze, Wörter, Geräusche oder Bewegungen passen zum Feuer, Wasser, Erde oder Luft? Das alles muss ausprobiert und miteinander verbunden werden. So entstehen langsam bewegte Bilder, in denen die Elemente in ihren Eigenschaften, auch auf Menschen bezogen, vorgestellt werden.

Eine kurze Szene auf einer Party mit Sätzen wie „Hast du mal Feuer?“ oder „Du bist aber heiß“ spielt auf das Thema Feuer an, während im Hintergrund knisternde und zischende „Funken“ zucken. Diese ungleichmäßigen Bewegungen – hin und her rennen, sich auf den Boden werfen und wieder aufstehen, mit Schultern und Armen zucken- und dazu noch das „Pfft“ oder „Ksss“, das man ununterbrochen wiederholen muss: die wohl anstrengendste Szene des Tages, die nur den Ansatz der Anstrengungen zeigt, die das Physical Theatre seinen Akteuren abverlangt.

Die wilden Funken werden dann zu Wasserpflanzen, die sich langsam im Wasser wiegen. Passend dazu wird „Kleiner Hai“ gesungen. Im Zeichen der Erde wachsen Bäume und werden wieder gefällt, winden sich schmatzende Regenwürmer auf dem Boden – all das durch Bewegungen und Geräusche dargestellt – bis am Ende alle vom „Wind“ umgeweht werden und auf den Boden fallen. Also eine eher lustige als tiefsinnige Geschichte – etwas anderes ist in so kurzer Zeit auch gar nicht zu schaffen.

Bei den Präsentationen in der Turnhalle sind wir an dritter Stelle dran. Zunächst sind die Zuschauer bei den zuckenden Funken leicht verwirrt, aber als „Hey was geht ab“ angestimmt wird, lockert sich die Stimmung auf.. Die eingebauten Lieder und Textelemente kommen gut an, der kleine Hai sorgt für Lacher und sogar die Regenwürmer werden als solche erkannt!

Und auch die anderen Präsentationen sind spannend zu beobachten. Die Teilnehmer des Tanz- und Bewegungsworkshops holen alle sogar auf die Straße, wo sie auf Einkaufswagen turnen, auf Müllcontainern tanzen und die Kreuzung als Catwalk benutzen. Verfolgt von unserer begeisterten Zuschauermenge und beobachtet von verwirrten und belustigten Passanten und Autofahrern, bildet diese Gruppe den krönenden Abschluss des intensiven Arbeitstages.

Intensiv und spannend ist der Tag allemal. Auch wenn das Thema „Physical Theatre“ schwer zu fassen ist, da unter den Begriff ziemlich vieles fallen kann, bekommen wir dennoch ein Bild davon, wie schwierig es ist, sich durch Bewegungen auszudrücken – denn darum geht es beim physical thetare ja – und dabei glaubhaft zu wirken. Aber auch der volle Körper- und vor allem auch Kopfeinsatz, den man in diesem Maße gar nicht erwartet hätte, wird gerade bei den Viewpoint-Übungen deutlich. Ein Schnupperkurs für eine in Deutschland noch nicht ganz populäre Theaterform, der Lust auf mehr macht.

Am nächsten Morgen wache ich mit einem fiesen Muskelkater auf. Kurzes Nachdenken, dann die Erleuchtung: der Workshop war’s! Tja, wer Feuerfunken darstellen will, muss eben mit Muskelkater rechnen.

Fotos: Katja Panyutina