Von Katharina Mannel
Die Wiesen sind braun, vor den Blockhäusern lagert Gerümpel, Kinder spielen mit ausgeblichenem Plastikspielzeug im Dreck oder hüpfen in dicken Jacken auf dem verwitterten Trampolin hinter dem Haus. Das Ozarkgebirge im Mittleren Westen der USA ist eine der Drogenküchen Amerikas. Viele Bewohner der trostlosen Berge kochen in ihren Wohnwagen Crystal, ein Aufputschmittel, das Angst unterdrückt, Selbstbewusstsein vorgaukelt und sofort abhängig macht. Sie werden nicht reich von der Kocherei, aber viele werden selbst süchtig. Dann ist es vorbei mit Regungen wie Güte oder Mitleid. Das Leben ist hart in den Ozarkbergen, die Menschen dort sind es auch. Die 17-jährige Ree, gespielt von einer grandiosen Jennifer Lawrence, hat das längst am eigenen Leib erfahren: Auch ihr Vater war Crystal-Kocher und hat gedealt. Irgendwann kam er ins Gefängnis, die Mutter ist in eine schwere Depression gesunken. Schweigend sitzt sie daheim auf dem räudigen Sofa, nichts hält ihren Blick. Also kümmert sich Ree um die beiden jüngeren Geschwister. Die Autorität dafür hat sie, die wirtschaftliche Grundlage nicht.
„Winter’s Bone“ ist ein unerbittliches, vollkommen unsentimentales Sozialdrama, das tief hineinführt in das Leben einer weißen Unterschicht im amerikanischen Hinterland, die abgetaucht ist in die Kriminalität. Öde wird das nicht, weil der Film zugleich ein bedrohlicher Thriller ist, bei dem das Unheil in der Luft liegt – 100 Minuten lang. Ree gerät in existenzielle Schwierigkeiten, als ein Polizist vorfährt und ihr eröffnet, dass ihr Vater auf Kaution freigelassen worden ist. Allerdings hat er das Haus der Familie als Sicherheit hinterlegt und ist zum Stichtag nicht wieder aufgetaucht. Ree wird also die kleine Hütte verlieren, wenn sie ihren Vater nicht in einer Woche auftreibt. So beginnt die Odyssee eines Teenagers, der in der Verwandtschaft herumfragen muss, wo sein Vater stecken könnte. Nur mag man in der Sippe Schnüffler nicht, egal aus welcher Not heraus sie Fragen stellen. Erst droht man Ree, dass sie die Suche nach ihrem Vater aufgeben soll, dann bekommt sie die Gewalt ihrer verrohten Verwandten zu spüren. Und der Zuschauer muss erleben, dass Familie keineswegs stets letzter Hort von Solidarität und Mitgefühl ist. Ree hat Angst vor ihrer Sippe und das zu Recht.
Die Regisseurin Debra Granik hat mit „Winter’s Bone“ ein unverklärtes, ehrliches Bild einer Welt geschaffen, die ein junges Mädchen auf eine Irrfahrt durch Kriminalität, Kälte und Drogen schickt. Am Ende werden die Familienbande doch zäher sein als Ree erwartet. Dadurch wird nichts gut in diesem Film, aber Ree erhält die dünne Chance auf eine andere Zukunft aufrecht.




