Von Renate Voget
„Der Krausfakler hat die Fledermausabortfrau ins Bein gebissen weil sie keine Hoffmannsmusterkleider trägt.“
Mit einem epischen Zitat wird die Ausstellung angekündigt. Es entstammt einer längst vergangenen Zeit, in der Handwerk kaum mit Kunst in Verbindung gebracht wurde. Schneider, Schreiner und Töpfer wurden für ihre manuellen Fertigkeiten entlohnt, nicht für ihre modische Raffinesse. Doch wurde diese Ignoranz zur vorigen Jahrhundertwende von Europa ausgehend langsam abgelöst durch ein Bewusstsein, dem Handwerker wie Karl Lagerfeld oder Frank Gehry ihr Vermögen verdanken: Design. Diese Zäsur drückten die Künstler selbst in wörtlichen Brüchen aus; zur Provokation des Bürgertums schrieben sie verschlüsselten Unfug in ihre Manifeste, als gleiche ist auch das Zitat des Ausstellungstitels zu verstehen.
Das weite Feld der Hommage wird in der Ausstellung in allen seinen Formen und medialen Möglichkeiten ausgelotet: Mit der Inszenierung eines Fremdkunstwerks beschäftigt sich Christian Mayer. „Les Vues d‘Amérique du Nord“ (2011) ist der Name der historischen Tapete. Menschlich mag es eine große Geste von Mayer sein, die imperialistische Naivität des Tapetengestalters Jean-Julien Déltil zu zerschneiden, etwas Innovatives kann man dieser Destruktivität allerdings nicht abgewinnen. Sollte ein Künstler nicht Neues schaffen, anstatt Altes zu zerstören? Die Künstlerin Jakob Lena Knebl bezieht sich mit ihrem feministischen Selbstporträt Amore Ettore (2011), einem als männlichen Nana inszenierten Akt, doch zu sehr auf die Schöpferin eben jener. Leider sind sämtliche Arbeiten zwar eigen, aber noch lange nicht eigenständig. Plakativ und unterhaltsam ist das überdimensionale Brettspiel Painting’s Profit (2011) des Hans Scheirls. Sollte die Weltwirtschaft tatsächlich derart banal sein, wie seine Installation es vermuten lässt, wundert es einen doch sehr, wie Millionen von Menschen sich mit diesem Thema intensiv auseinandersetzen, wie es uns die vergangenen Monate gezeigt haben. Oder sollten die Bemühungen der Wallstreet Okkupanten tatsächlich leeres Streben nach einem goldenen Exkrementhaufen sein?
Jedoch gibt es auch einige Künstler, die tatsächlich mit ihren Arbeiten überraschen können. Die auf Video aufgezeichnete Performance Lights out! (2007) der Brasilianerin Roberta Lima ist in besonderem Maße mutig. Mit dem Einnähen ihres Körpers in ein Korsett ruft sie dem voyeuristischen Zuschauer die Leiden der Schönheit ins Bewusstsein. Eindeutig bezieht sie sich damit auf das Titelzitat der Ausstellung zurück, indem sie kein lockeres Reformkleid trägt. Sie reduziert die Darbietung auf das Wesentliche, wenn sie eine Aufnahme ihres Gesichtes ausspart, und stilisiert ihren Körper zum Objekt. Saskia te Nicklin bemüht gleichzeitig die Assoziationskraft ihres Betrachters und lässt ihre Objekte wie Limbo (2011) eine genuine Ebene gewinnen; das Kunstwerk ist referentiell, es verweist auf seine Funktion, da es anstatt auf starren Füßen auf schreitenden Stelzen steht. Auch Julia Hohenwarter verzeiht man den Querverweises auf Michelangelo Antonioni, wenn man bedenkt, wie wundervoll sie ihre Installation aus fünf Wandplatten The wall that wasn’t there (2011) mit dem Ausstellungsraum in Bezug treten lässt. Antiproportional zum sich verjüngenden Raum spielt sie mit der Wahrnehmung des Betrachters. Anna Barfuss setzt schließlich ein wahrhaft unabhängiges Zeichen. Mit ihrer Videokunst Tiere der Nacht (2011) zeigt sie dem Betrachter ein Wien, fernab von Stephansdom und Prater. Sie inszeniert den begradigten Donaukanal, der in seiner baumaßgeblichen Unterwerfung von den animalischen Gestalten in Designer Pelzen, die an seinen Ufern umherstreifen, kontrastiert wird.
Was das Verhängnis der Wiener Glut ist, sollte ohne Zitat resümiert werden, denn davon gab es in dieser Ausstellung wahrlich genug. Bezüge und Verweise gab und wird es in der Kunst vermutlich immer geben, dennoch sollte dieser Aspekt den Künstlern nicht genügen, sich mit einer weiteren Phase der Zitatkunst zu begnügen.
Es scheint eine passive Verdrossenheit bei der Jugend in sämtlichen Sparten zu herrschen, oder wie soll man sonst erklären, dass gerade ein Greis wie Stéphane Hessel zum gesellschaftlichen Umschwung aufruft? Schön, dass derart viele das Essay laut Spiegelbestsellerliste gelesen haben, leider haben sie dabei seinen zweiten Aufsatz wohl nicht erstanden: Engagiert euch! Wenn jetzt auch in den arabischen Ländern und Spanien sich die leisen Anzeichen eines erneuten Umschwungs andeuten, so verstecken sich die Wiener Künstler lieber hinter einem anderen Umschwung, der nicht ihrer ist, und schon über 100 Jahre zurückliegt. Es scheint, als fehle es dieser zeitgenössischen Kunst an Aktualität und der Wiener Glut an Feuer.




