Rezensionen

Waisen // D. Schauspielhaus // 14.05.11

Von Susanna Ott

Wie weit gehen wir für die Menschen, die wir lieben? Wie weit gehen wir für unsere Geschwister? Für unseren Bruder, der wie in Helens Fall, die einzige Familie ist, die sie nach dem Tod ihrer Eltern noch besitzt?!

All diese Fragen wirft der blutüberströmte Liam auf, wenn er in das romantische Abendessen seiner Schwester Helen und ihres Freundes Danny platzt, die eigentlich einen ruhigen Abend geplant hatten, um Helens Schwangerschaft zu feiern. Obwohl die beiden Liam eigentlich nicht ins Kreuzverhör nehmen wollen, überhäufen sie ihn mit Fragen, bis er endlich schildert, warum sein Hemd von Blut bedeckt ist. Laut Liam war alles nur ein schrecklicher Unfall: Ein Jugendlicher wurde niedergestochen und Liam wollte nur helfen. Er hat ihn im Arm gehalten, daher auch das viele Blut.

Danny, verantwortungsvoll wie er ist, will die Polizei verständigen, doch Helen lehnt vehement ab: Ihr Bruder sei vorbestraft; das System wird von vornherein gegen ihren Bruder plädieren. Das kann Helen nicht zulassen, denn sie fühlt sich für Ihren Bruder Liam seit dem Tod der Eltern verantwortlich. Liam, der „dumme“ Pechvogel, das schwarze Schaf der Familie, der mit Ian einem Rassisten, der den Nationalsozialismus verehrt, befreundet ist.

Die Schauspieler agieren auf einer kalt und nüchtern wirkenden Bühne. Ein weißer Boden, umzäunt von Neonröhren, die grelles Licht absondern. Ein weißer Tisch und vier weiße Stühle, nur eine Luke im Boden, die zur Haustüre führt ist Ausweg aus dem klinisch, sauberen Inneren, der vor dem dunklen, gefährlichen und schmutzigen Draußen bewahrt. Ein moralischer Konflikt entfacht, denn Danny kann es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren, den Jungen einfach in der Nacht verletzt liegen zu lassen. Er selbst sei schließlich auch einmal von einer Gruppe von Jugendlichen überfallen worden. Wem helfen wir? Soll ich nur denen helfen, die mir nahe sind? Was ist mit den anderen da „draußen“? Soll ich denen etwa nicht helfen? Wir oder die da „draußen“?

Während Danny und Helen sich nicht einigen können, scheint nicht nur die Fassade ihrer perfekten Beziehung zu bröckeln, sondern auch Liams Aussage. Plötzlich klingelt Liams Handy, obwohl er behauptet hat, dass der Akku leer sei und dann wird aus dem überfallenen Junge ein Mann, ein Araber. „Ich hab’ gedroschen und gedroschen und gedroschen. Ich hab’ immer weiter. Ich hab’ ihn im Arm gehalten.“ Das Licht geht aus und die Wahrheit ist raus, dass Liam den Mann selbst überfallen und übel zugerichtet hat.

Doch die Inszenierung von Dennis Kelly Stück „Waisen“ ist noch nicht zu Ende: Die Gewalt, die Angst und der Schmerz treiben die drei Charaktere bis ans Äußerste, bis sogar der gutmütige Danny zum Unmensch wird. Die Spannung dieses Psycho-Thrillers ist beinahe unerträglich, aber es ist eine äußerst empfehlenswerte und gelungene Inszenierung. Ein Stück, das unter die Haut geht.

Veranstaltung: Waisen