Rezensionen

Väter und Söhne // D. Schauspielhaus // 14.01.12

Von Antonia Alessia Virginia Beeskow

Väter und Söhne, gut, hört sich erst einmal nach diesem „Vater-Sohn“-Konflikt an, so nach dem Motto „Wie lerne ich erwachsen zu sein?“ und „Wie lernen meine Eltern, dass ich erwachsen bin?“. Aber das Stück reicht doch viel weiter, nimmt es doch zum einen den gleichnamigen Roman von Iwan Turgenjew, einem russischen Autoren um die Jahrhundertwende, und die Erfahrungen von Düsseldorfern unserer Zeit mit dem Thema Generationskonflikt zur Vorlage. Es entsteht eine vielschichtige Erzählung, in der sich der literarische Stoff mit dem scheinbar normalen Leben unsereiner bzw. unserer Eltern und deren Eltern verbindet.

Wie so oft in der russischen Literatur sind die Schicksale verschiedener Familien miteinander kompliziert verstrickt. Arkadij, der gerade sein Staatsexamen beendet hat, nimmt seinen von ihm angebeteten Freund Bazarow, einem Medizinstudent, mit auf das Landgut seines Vaters Nikolaj Petrowitsch. Antiheld Bazarow ist überzeugter Nihilist und verachtet alles, was unnütz ist, und so auch das dahinvegetierende, sich selbst genügende Leben von Arkadijs Vater, der eine Affäre plus Kind mit dem Dienstmädchen Fenitschka hat, und dessen Bruder Pawel Petrowitsch, der aus grenzenloser Verliebtheit seiner Angebeteten durch ganz Europa nachreiste, um letztendlich von deren Tod in irgendeiner Billigabsteige in Paris zu erfahren. Sie lieben und sind Bazarows Meinung nach schwach, denn es gäbe nichts hirnrissigeres als die Vorstellung von romantischer Liebe, die eigentlich eine bodenlose Ausrede für körperliches Verlangen bzw. eine bedeutungslose Nacht mit der und der Dame sei. Arkadij, der trotz Staatsexamen von all diesen Dingen keine Ahnung zu haben scheint, stimmt zu und fertigt, erst widerwillig, mit Bazarow eine „Liste der hübschen Frauen“ an, die es noch zu erweitern gilt. Neben den Schwächen von Arkadijs Familie verachtet Bazarow jedoch am stärksten seine eigenen Eltern, denn auch sie gehören zu jenen liebenden Schwächlingen, zu denen er auch im späteren Verlauf seinen einzigen Freund Arkadij zählen wird.

Neben diesen Szenen aus dem Roman werden fiktive Interviews an die Wand gestrahlt, von Söhnen und Töchtern und Eltern, die im Guten wie im Schlechten zu ihren Familien stehen. Dabei wird klar, dass das Thema Familie, Generationskonflikt und persönliche Freiheit sowohl damals wie heute immer noch spannungsgeladen, traurig und komisch zugleich sein kann. Es entsteht ein kleines Familienepos auf der Bühne, welches vielleicht erzählen möchte, wie ernst und schön, wie traurig und grotesk das Leben manchmal mit einem so spielt und wie spannend doch manchmal die eigene Familiengeschichte ist.

Veranstaltung: Väter und Söhne