Rezensionen

Und worüber schweigen Sie?

von Artiom Miziouk

Gibt es etwas, dass wir uns stets zu verheimlichen versuchen? Uns selbst und unserem Tatendrang? Gibt es etwas, das ein Teil von uns selbst ist und uns Angst macht?

Horche in dich selbst, lieber Leser, horche in dein Innerstes und stell dir die Frage: Ist etwas von Sinn oder ist alles stete Absurdität? Will ich oder aber werde ich gewollt? Lebe ich oder aber werde ich gelebt?

Die Frage ist nicht neu, nicht originell oder speziell, sie scheint banal, kindisch, ja gar dumm zu sein. Erwachsene fragen so was nicht, nur Kinder, Verrückte und Philosophen (die sowieso nicht alle Tassen im Schrank haben und ständig Drogen nehmen). Was diese Frage auch immer ist, ob von Belang oder nicht, im Alltag gegenwärtig oder nicht, jeder muss sie sich zumindest einmal stellen, denn es liegt in unserer Natur wissen zu wollen, ob wir denn nicht umsonst leiden, ob am Ende etwas steht für das es sich lohnte das ganze Leben lang Leid zu tragen. Diese Frage ist zwingend.

Was passiert, wenn man ihr folgt und zu antworten sucht? Man denke einmal angestrengt nach und man wird sehr viel schneller sehen als man vermutet, wie ein harmloses grammatisches Gebilde des Interrogativ, eine scheinbar unbedeutende abstrakte Konstruktion mit kitzligem Inhalt, zum saugenden schwarzen Loch wird, dich verschlingt, verreißt, verfrisst.

Wer will schon solche Probleme sich „freiwillig“ aufhalsen? Manchmal ist es eben besser nicht zu fragen.

„Und worüber schweigen Sie?“ ist das Bühnenstück von Linda Lietz und Shenja Lelgant. Ein ziemlich schwieriger Stoff mit viel Gedanke.

Gefühl und Vernunft, Optimismus und Pessimismus, Schlaf und der Schweinehund sind die Protagonisten des Stückes und bilden die Innenwelt eines gewöhnlichen Jungen unter den vielen anderen Menschen. Dieser Junge kommt in eine mehr als triviale Situation: Er liebt sie, sie liebt ihn nicht, sie bricht ihm das Herz, er ist allein, er kämpft um das Leben und verliert den Kampf, stirbt. Soweit an GZSZ grenzend. Doch gibt es da viel mehr.

Dieser Junge, der uns als „Mensch“ vorgestellt wird, ist nicht etwa das Opfer einer gescheiterten Liebe, sondern das Opfer seiner selbst. Das wahrhaft Tragische ist jedoch nicht seine Verzweiflung oder sein Liebeskummer, die ihn zerreißen, was alles viel zu leicht in die pubertäre Ecke gedrängt werden könnte, sondern ein grundlegender Konflikt in ihm selbst als existierendes, in die Welt hineingeworfenes Ding.

Die Handlung des Spiels ist also vielschichtiger und so äußert sich auch sein Liebestaumel lediglich als revolutionäres Moment in ihm, doch nie als ein Grundproblem. Es will einem vorkommen, als scheitere er an seiner naiven Vorstellung von Liebe, seinem Wunsch nach zwischenmenschlicher Nähe, doch bemerkt man, dass sein eigentliches Problem in seiner schieren Existenz liegt. Man sieht die graue [sic!] Menschheit an ihm vorbeirasen, man hört seinen Schlaf wehklagen über diese Unruhe und sein Kopf und Herz über den richtigen Weg der Befreiung von den Schmerzen streiten. Abseits dieses Tumults, so scheint es zuerst, erscheint ihm der Schweinehund, der seinem Schlaf und seinem Pessimismus und ihm selbst als „Ich“ die Lösung bietet: Tod. Man weiß, dass er leidet, weil er nicht anders kann, weil der Mensch nicht anders kann und nicht wegen einer psychologischen oder genetischen Disposition oder wegen sonst einem Blödsinn.

Der Junge steht also zwischen der Entscheidung für seine Existenz (sicheres Leid) oder wider seine Existenz (scheinbare Leidlosigkeit).

Man braucht die Frage gar nicht erst hypothetisch zu formulieren, denn man braucht sich nicht vorzustellen, wie es wäre, wenn man selbst so situiert wäre. Nein, man ist in Wahrheit jeden Moment vor dieses Problem gestellt. Die Frage nach diesem Problem ist nicht nur zwingend, sondern das Problem selbst ist tatsächlicher Sachverhalt!

Ein „Erwachsener“ schweigt darüber, weil er sonst verzweifeln würde, wenn es drum ginge irgendeine Konsequenz zu ziehen, denn jede, egal ob man sich für oder gegen entscheidet, jede Konsequenz tut immens weh. Camus, als trauriges Beispiel, entschied sich für den sinnlosen Daseinsstreifen und akzeptierte das Lebens als einen Akt des Sysiphos.

Also, lieber Leser, triffst du die Entscheidung oder schweigst darüber?