Rezensionen

Theater Operation – Halbstarke Halbgötter

Von Susanna Ott

Auf vier schwarzen Drehstühlen sitzen sie, den Rücken zu uns gewandt, gekleidet in grünen OP-Kitteln. Es sind die „Halbstarken Halbgötter“, die Protagonisten des Stückes. Hinter den vier Ärzten werden ihre Körperwerte auf eine Großleinwand projiziert. Es ist ein Rollentausch, denn während des Stückes soll der Zuschauer den rasenden Puls und den mal steigenden, mal sinkenden Blutdruck der Ärzte beobachten. Man ist noch dabei den klinischen Raum zu betrachten, in dessen Mitte der OP-Tisch thront, als das Licht gedimmt wird und rührende Musik einsetzt (Devotchka – How it Ends).

Die Schicht für die Ärzte beginnt, und sie beginnen – reihum – von ihren allerersten Einsätzen zu berichten, dabei sind sie immer bedacht, bei den spannenden und witzigen Stellen Ihrer Anekdoten abzubrechen und das Wort an den Kollegen weiterzugeben. Die gemütliche Atmosphäre der Geschichten wird jäh von dem aufdringlichen Piepen der Ärzte-Pager unterbrochen. Hektik übernimmt das Ruder. Die Mediziner eilen umher, beten Diagnosen herunter und stellen Krankheitsbilder einzelner Zuschauer fest. Das plötzliche Gewimmel im OP-Raum wird nur ab und an vom ständigen Geklingel der Pager unterbrochen bis Clocks von Coldplay gespielt wird.

Die Darsteller legen die grünen Kittel ab, die sie zu dem machen, was die Menschen in ihnen sehen: Heiler. Entblößt sind sie jedoch nur Menschen, die sich durch einen 24-Stunden-Dienst schlagen, zwischen Patientenbett und OP-Tisch pendeln, die Entscheidungen fällen müssen, die Leben als auch Tod bedeuten können, deren Standardsatz „Wir müssen uns auf alles gefasst machen!“ lautet. Sie stehen vor uns und teilen mit uns die nackte Wahrheit Ihrer Wünsche und Träume, die im Klinik-Alltag verloren gegangen ist. Sei es der Segelschein, der schon immer mal nachgeholt werden wollte, oder auch nur ein bescheidener Wunsch wie samstags ausschlafen, oder ein Buch zu Ende lesen können.

Doch die Ärzte werden durch das erneute Piepen Ihrer Pager zum Dienst diktiert.

Seit 2008 entwickelt Theater Operation Stücke, die zwischen Kunst und Medizin balancieren. „Halbstarke Halbgötter“ ist ein Stück des in der Raphaelsklinik in München praktizierenden Anästhesiologen und Notfallmediziners Tugsal Mogul, der gleichzeitig diplomierter Schauspieler mit viel Bühnen- und Filmerfahrung ist. Dank seines Fachwissens und den Berichten von Medizinern, Pflegern, Patienten und Schwestern schafft es Mogul, den Mythos des ruhmreichen, glanzvollen und allwissenden Arztes auf der Bühne zu entzaubern. Er kreiert ein poetisches, witziges und zum Nachdenken animierendes Stück, das die Mediziner als das entlarvt, was sie, trotz des Credos „Götter in Weiß“, eigentlich sind: chronisch überarbeitete, zeitweise von Selbstzweifel und Schuldgefühlen geplagte und – genauso wie wir –  verletzliche Menschen.