Von Susanna Ott
„Die nächste Aktion nennen wir Eigenblutdoping“. Erster Gedanke: Ach super! Es gibt also noch eine ekelerregendere Steigerung bei dieser blutigen und exzentrischen Inszenierung? Toll …
Haben die netten Lieder in Rammstein-Manier und entsprechender Tonlage nicht schon gereicht? Moment. Wie war das nochmal? „Blut ist mein Kapital! Ich saug euch aus!“ oder auch „Ich will dein Monster sein! Lass mich rein!“ Ausnahmslos eingängige Songtexte.
Das Künstler-Paar Harriet Maria und Peter Meining produzieren unter dem Label norton.commander.productions. seit 1995 multimediale Theaterabende und auch durchsetzen sie jenen Abend, an dem nicht nur geschauspielert wird, mit derartigen Liedern.
In ihrer bizarren Performance „The Wolf Boys“ kreisen die Künstler um die Themen Angst, Horror, Splatter und Grauen. Sie kreisen ungefähr so anmutig um diese Themen, wie die beiden schwarzen Plastikfledermäuse, die an Schnüren von der Decke baumelten und von dort aus bestimmt gefühlte zehn Minuten ihre Zirkel zogen. Bis die Fledermäuse mit einem lauten Knall auf den Boden fielen und ihnen dabei die Batterien aus dem Bauch flogen.
Aber nicht nur Fledermäuse bevölkerten die Bühne, auch Werwölfe waren dabei.
In einem Interview mit den beiden „Wolf Boys“ lernte man, dass Ihre Fähigkeiten konkret auf die Umwelt einwirken, und zum Allgemeinwohl ausgenutzt werden sollen. Ja, sagten die beiden Wolfsmenschen, dabei sterben auch Menschen, aber das macht ja nichts, weil die Werwölfe das Töten nicht so schlimm finden.
Natürlich sind Vampir-Anhänger auch auf Ihre Kosten gekommen. Spätestens seit Twilight wissen wir ja: da, wo Werwölfe sind, existieren auch Vampire! Der Vampir dieser Inszenierung heißt aber nicht Edward, sondern Kara-Ali und seine Geschichte wurde in einem dreiteiligen schwarz-weiß Film, zwischen Konzert, Schauspiel und Geräuschmontage, eingespielt. Kara-Ali verführt in der kurzen Geschichte die Frau seines Gastgebers, ohne dass diese es ahnt, zu einer neuen Religion und wenn sie auf Kara-Alis geheimnisvolles Buch schwört, dann schwört sie insgeheim auf den Koran.
Islamophobie und Religionsängste in einer Vampirgeschichte. Die Lust am Töten in Liedern besungen, dabei blutig-rotes Rindfleisch als Haar- oder Mützenersatz auf den Kopf gelegt. Pädophile Triebtäter in Pappkartons, die mit dem Publikum ihren Terminkalender durchgehen (Also wann mit wem gebadet wird). Die faszinierende, intensive körperliche Beziehung, die der Keyboarder mit seinem Instrument führt, um ihm dabei düstere und psychedelische Melodien zu entlocken.
Oder auch Eigenblutdoping. Das ist die Horror-Genre-Ebene, auf der man sich mit „The Wolf Boys“ bewegt. Sich ein bisschen Blut auf der Bühne abzapfen. Mit Wasser mischen und schön austrinken.
Sodass am Ende des Abends mir noch ein anderer Gedanke bleibt: „Haben die Theatermacher aus Dresden wirklich nur dem Horror-Genre auf den Zahn fühlen wollen oder wollen sie uns mit ihrer Performance nur eins sagen: Der eigentliche Horror ist der Mensch selbst!“




