Rezensionen

The Tree of Life // Filmkunstkino // 18.06.11

Von Lisa Levermann

Als das Bild schwarz wurde und der Abspann begann, sich über die Kinoleinwand zu schieben, konnte man bemerken, wie fast zeitgleich das gesamte Publikum aufsprang und geradezu fluchtartig den Saal verließ. „Furchtbar!“, ertönten erste Reaktionen noch vor den Türen. „…aber die Bilder waren schön“, überlegten sanfter gestimmte Gemüter im Foyer. Die ersten hatten den Film bereits vor zwei Stunden verlassen. Ja, vor zwei Stunden, denn die Filmarbeit des texanischen Regisseurs Terrence Malick umspannt das epische Ausmaß von 138 Minuten, was, zugegeben, nicht gerade dazu beiträgt, „The Tree of Life“ zu leichtem und kurzweiligem Kino zu machen: Dieser Film ist anstrengend und fordert höchste Konzentration. Doch es ist nicht nur die Dauer des Films, die den Film zu etwas Epischem macht.

Oberflächlich betrachtet behandelt der Film das Leben einer amerikanischen Familie im Vorstadtidyll der fünfziger Jahre. Von der Geburt des ältesten Sohnes an wird die gesamte Kindheit dreier Brüder dargestellt, die in einem Spannungsverhältnis zwischen der sanften, naturverbundenen Mutter und dem idealistischen, aber autoritären Vater aufwachsen. Besonders Jack, der Älteste, leidet unter der Strenge seines Vaters und bemerkt früh dessen Widersprüchlichkeit, in der dieser hohe Ideale predigt, nach denen er selbst jedoch nicht lebt, sowie seine versteckte Ernüchterung über ein Leben als Musiker, welches er einst aufgab, um geschäftlich erfolgreich und wohlhabend zu werden. Jack betrachtet seinen Vater als Feind, wünscht sich zeitweise sogar seinen Tod, erkennt aber auch seine Verbundenheit zu ihm: „Ich bin dir ähnlicher als die anderen.“ Es verwundert nicht, dass der Sohn mit wachsendem Alter beginnt, gegen die Zwiespältigkeit seines Elternhauses zu rebellieren, um seinen eigenen Weg zu finden.

Der erwachsene Jack erinnert sich an all dies und es wird insbesondere deutlich, dass dieser nie über den frühen Tod seines Bruders hinweggekommen ist, welcher den Ausgangspunkt von „The Tree of Life“ darstellt. Surreale Aufnahmen zeigen den von seiner Vergangenheit verfolgten Mann in der Kühle und Sterilität der modernen Geschäftswelt, bei Streifzügen durch menschenleere Felslandschaften, die wie eine Jenseitsvision anmuten.

Bereits hier zeichnet sich die deduktive Vorgehensweise Malicks ab: Er überträgt das Schicksal einer einzelnen Familie auf die Entstehungsgeschichte des Lebens und der Welt, ist dabei sinnsuchend und andächtig. Das Einblenden von teilweise überwältigenden Aufnahmen von Landschaften und dem Universum gleicht einem Streifzug auf der Suche nach Gott. Der Erfolg dieser Suche ist nicht zuletzt vom Zuschauer abhängig: Wer religiös ist, wird ihn in allem finden. Atheisten hören die flüsternden, hoffnungsvollen Gebete der Mutter im Nichts widerhallen. Geradezu offensichtlich ist allerdings eine Art Pantheismus: die Natur wird hier vergöttlicht.

Insgesamt lässt sich über Terrence Malicks umstrittenen Film vieles sagen – „furchtbar“ ist er aber nicht. Dafür ist die Bilderflut zu gewaltig, das Porträt der Familie zu präzise. Die Dauer des Filmes mag dem abstrakten Thema angemessen sein, jedoch ist der Film zuweilen, und besonders zu Beginn, von einer kaum zu ertragenden Langatmigkeit, deren Kürzung seiner Rezeption möglicherweise gut getan hätte. Zuweilen droht der Film im Kitsch zu versinken. Auch die vielen religiösen Anspielungen wirken gelegentlich erdrückend. Eine ethische Universalität hätte hier erfrischend gewirkt und deutlich zur Leichtigkeit des Films beigetragen. „The Tree of Life“ ist ein ungewöhnlicher Film den man gesehen haben sollte – jedoch keiner, den man ein zweites Mal anschaut.

Veranstaltung: The Tree of Life