Von Dennis Palmen
„Soll mein Vater wirklich entscheiden, was ich anzuziehen habe? Der könnte mich ja so einkleiden, dass ich mich in Grund und Boden schäme.“ Diese Worte spricht ein junges Mädchen zu Beginn von „That night follows day / Dass die Nacht dem Tag folgt“ ins Mikrophon, während ihre 14 Ensemblekollegen aus einer Theatermedienklasse des Albertus-Magnus Gymnasiums Köln die Bühne betreten. Als hätte sie es vorhergesehen, schlüpfen ihre Mitspieler in altmodische Kostüme, die an Kleiderbügeln in der Luft schweben und garantiert nicht dem Wunsch eines Kindes entsprechen. Nachdem die in altbackene Sonntagskleidung gezwängte Schar sich nun noch am vorderen Bühnenrand brav die Schuhe ausgezogen und in einer Reihe aufgestellt hat, beginnt eine synchron sprechende Front, ein Stakkato aus Imperativen, Belehrungen, Regeln und Binsenweisheiten abzufeuern und all das, was die Kleinen dort mit strenger Miene von sich geben und aufzählen, ist ursprünglich mal aus dem Mund eines Erwachsenen gekommen. Ein militärisch anmutender Reigen aus „Ihr sagt uns, dass…“- und „Ihr lehrt uns, dass…“-Sätzen durchläuft einen kompletten Lehrplan aus Naturwissenschaften, Ethik, Knigge, Philosophie und sogar Esoterik. Die fünfzehn Regelkenner wechseln mehrfach Positionen und schaffen gemeinsam mit zwei beweglichen Holzwänden und kaputten Sesseln, die noch antiker als die Kostüme wirken, unterschiedliche Bilder, deren Durchlauf so inszeniert steif und diszipliniert ist, dass man den unangenehmen Eindruck hat, ein Erwachsener würde die Spieler hart bestrafen, wenn sie sich versprechen oder eine falsche Linie auf der Bühne abgehen. Der aus Tim Etchells’ englischem Original übersetzte Text entwickelt sich alsbald zur Anklage an und Parodie auf die strenge Elternschaft zugleich. So wird nach einer für jedes Kind nervigen Lektion über Grammatik und die stets korrekte Wortwahl das erwachsene Messen mit zweierlei Maß durch das passende Zitat „Ihr sagt, wir sollen nicht klugscheißen“ vorgeführt. Witzige Momente wie ein „Ihr sagt, wir sollen nicht in der Tiefkühltruhe verstecken spielen“ tauchen vereinzelt auf, das Lachen bleibt dem Zuschauer jedoch meist beim nächsten vernommenen Text wieder im Halse stecken. Auch falsche Merksätze, wie etwa rassistische Äußerungen der Erziehungsberechtigten, haben die Kleinen aufgeschnappt und geben diese nun ungeschnitten und schonungslos wieder. Dass die Kinder durchaus verantwortlich und selbstständig handeln können, unterstreichen sie in einer Szene, in der ins Mikro versprochen wird, sich an den sinnvollen Teil der Regeln zu halten und den Eltern keine unnötigen Sorgen zu bereiten. Ein abschließendes „Alles wird gut“, dass die Großen den Kleinen zum Zitieren und Wiederholen mit auf den Weg gegeben haben, mag sowohl in der Welt der Kinder als auch in der Welt der Erwachsenen nicht immer passend sein, vermittelt jedoch, dass trotz aller nerviger Regeln, unlogischer Aussagen und teilweise schlechtem Zuhören, Eltern und Kinder immer wieder eine Chance bekommen und nutzen sollten, das gegenseitige Verständnis zu verbessern. Die 15 Darsteller auf der Bühne und die Spielleitung hinter den Kulissen haben es mit einer diszipliniert-präzisen Arbeit und einem Großvorrat an Energie geschafft, diesen Dialog zwischen Groß und Klein pointiert darzustellen und für einige Zuschauer vielleicht die Motivation zu besserer Kommunikation geschaffen.




