Rezensionen

Leidiger Genuss

Von Artiom Miziouk

„Und genießen Sie das Leid Anderer“, sagte die nette Frau von der Einführung im 2. Stock. In der Tat, eine interessante Einstimmung auf die Bohemien und ihre Festlichkeiten. So begann der Premierenabend von Robert Carsens „La Bohème“ (Giacomo Puccini) in der Dorfoper am Rhein (euphemistisch auch „Rheinoper“ genannt).

Puccinis „La Bohème“ erzählt augenscheinlich von einer – für die Oper ja vollkommen unkonventionelles Thema – tragischen Liebesgeschichte mit Armut, Eifersucht und – auch äußerst unüblich – Tod. In den Publikationen der Oper wird stets dieses Zitat Puccinis verwendet: „Ich will die Welt zum weinen bringen“.
Diesen äußerst innovativen Stoff hatte nun der Regisseur Robert Carsens zu inszenieren. Da dieser Herr ein weltweit anerkannter, großer Meister der Operninszenierung ist, so heißt es jedenfalls überall, durfte ihm eine gekonnte Durchführung des Projekts nicht schwerfallen.

Diese Oper Puccinis ist ja tatsächlich kein leichtes Stück. Puccini schrieb diese Oper im tiefsten Geist seiner Zeit, er hörte, er sah, er schmeckte, roch, spürte, ja, er fühlte die Umstände, welche er beschrieb. Die Handlung verlegt er ja – wie konnte es anders sein – nach Paris, in die Stadt der käuflichen Liebe, des Muffs und des Bohemien. Obwohl er nie dort gewesen ist und entgegen allen Lobes seiner Zeitgenossen die dort herrschenden Verhältnisse doch mehr schlecht als recht darstellen konnte, ist dieses Werk ein Zeitzeugnis der geistigen Verfassung Europas um die Jahrhundertwende, ein authentisches Bild dieser Atmosphäre. Im Infoheft zur Oper heißt es die Anhänger der Bohème seien im Grunde selbst nichts anderes als die Bourgeoise gewesen, welche sie verachteten. Aus unserer Zeit heraus betrachtet mag das sinnig klingen, doch damit kommen wir der Wahrheit kein Stück näher. Diese Bohème war keineswegs ein von abtrünnigen Söhnen reicher Bürger durchtränktes Nest der Dekadenz, vielmehr ein Syndikat der Romatiker, der aufrichtigen Sehnsüchtigen, oftmals auch fröhlicher Pessimisten oder melancholischer Optimisten. Selbstverständlich war die Bohème dekadent, übertrieben lustig und zerstörerisch chaotisch, doch der Entschluss ein Bohemien zu werden, war nie als solcher bei einem echten Bohemien da. Man war es von Grund auf oder nicht und das ist eine Forderung ihrer Zeit gewesen: Die übermenschliche Romantik. Für den Bürger von heute ist das nicht verständlich, es ist für ihn Heuchelei, wenn ein Bohemien vom großen Geld träumt, aber dafür nicht arbeiten will. Zugegeben, heute ist dies viel eher so, doch in ihrer Zeit war das die einzig denkbare Einstellung, wenn man Künstler sein wollte und es gab daran nichts Modisches.

Modisch ist jedoch die Inszenierung allemal geworden. Hier hilft ganz besonders das Bühnen-/Kostümbild dem Klischee auf die Beine. Zerrissene Kleider, karge Landschaft und eine „bad taste“ Wohnung vollenden die Vorstellung eines herumvagabundierenden, aber genialen Künstlers. Die Oper handelt nunmehr von Liebe, Eifersucht und Tod, sowie das beklagenswerte, aber edle Leben eines Künstlers. „Verkennung! Verleumdung! Verrat!“ Kann ich da nur sagen. Puccini war vielleicht populär und manchmal etwas gefällig, doch vertonte er ja nicht Groschenromane! Das Libretto nach dem Roman „Scènes de la Vie de Bohème“ von Henri Murger, welches von G. Giocosa und L. Illica geschrieben wurde, erzählt wahrhaft tiefe Erlebnisse, die weit mehr sind als nur eine GZSZ-Story. Keinesfalls unterstelle man Carsens oberflächliches Verständnis, doch bemerke man bitte die schwache Gestaltung der Inszenierung, welche dem Zuschauer kaum bei seinem Verständnis auf die Beine hilft. Das Bühnen-/Kostümbild verleitet sogar klangheimlich zur Oberflächlichkeit und drückt wenig aus. Im Gegensatz zum Regisseur konnten die Musiker und Sänger in vollem Maße überzeugen. Es kommt nicht alle Tage vor, dass beim Premierenabend die Menge nach jeder zweiten Arie [sic!] im tosenden Applaus ausbricht. Besonders die Ukrainerin Natalia Kovalova war an diesem Abend großer Publikumsliebling.

Abgesehen von der musikalischen Meisterleistung, dem guten Premiereservice und der vorbildlichen Pressearbeit (hervorragende Betreuung, für den Nicht-Journalisten aber uninteressant), war die Aufführung zwar kein Flop, aber eben auch nicht Top. Ein zu verkraftendes Mittelmaß. Nicht unwahrscheinlich, dass es von der großen Kompromissbereitschaft der Dorfoper herrührt. Wären diese Kompromisse nicht da, wäre die „Dorfoper“ vielleicht auch wirklich eine „Rheinoper“ oder gar ein echtes Haus der Kunst. Wer weiß?

Veranstaltung: Klaus Mettig