Von Susi-Lili Duchow
Da steht es nun, das naiv anmutende Mädchen im Pariser Jardin de Tuileries, die zeitgemäße Lolita im kurzen weißen Chiffonkleid mit Streberbrille und blutroten Lippen. Lebensgroß auf eine der zwanzig Leinwände projiziert, lächelt sie kess in die Kamera. Und noch bevor man ihr selbst kreiertes Outfit näher betrachten kann, wird sie ausgeblendet und von einem der anderen tausend Menschen, die vor dem urbanen Hintergrund der Szene-Viertel von deutschen und internationalen Metropolen wie Berlin, Paris oder Barcelona posieren, ersetzt.
Die Ausstellung „Styleclicker City – Menschen des 21. Jahrhunderts“ im NRW Forum für Kultur und Wirtschaft ist Teil des Modeevents „Düsseldorf Voices of Fashion“ und zeigt vom 25. Juli bis 8. August 2010 so genannte Blogshots des Streetfashion-Bloggers Gunnar Hämmerle. Der 39-Jährige betreibt seit Dezember 2006 erfolgreich den Internetblog „Styleclicker“, auf dem er spontan entstandene Fotos von modebewussten Menschen veröffentlicht, die bereits in Berlin, München und Frankreich bei Fashionevents gezeigt wurden. Hämmerle, der seit seines Filmstudiums in München fotografiert, lichtet keine professionellen Mannequins ab, sondern Menschen auf der Straße, die sich unabhängig von Trends oder Genres über ihre modische Erscheinung definieren.
So ist es wohl wenig verwunderlich, dass sich unter den Modellen des deutsch-schwedischen Bloggers ein breit gefächertes Spektrum an modischen Stilrichtungen findet. Zu sehen sind sowohl Einzelpersonen, als auch Paare zwischen 20 und 60 Jahren – gern mit Brille, Hut oder Fahrrad. Ob futuristisch schillernde Kunstfiguren oder klassische Vertreter der Alten Schule; potentielle Hörer von Hip Hop, Gothrock oder Acid Jazz, die sich abwechseln mit sich an Idolen wie Twiggy und Jim Morrisson orientieren Hipstern, die Altes mit Neuem kombinieren – vertreten ist alles.
Eines haben Gunnar Hämmerles Modelle – bis auf einige verlorene New Raver – gemeinsam: sie kleiden sich originell und eigensinnig.
Allerdings halte ich den Untertitel „Menschen des 21. Jahrhunderts“ für unpassend. Er ist angelehnt an August Sanders Werk „Menschen des 20. Jahrhunderts“ von 1925, in dem Fotografien von Menschen sieben spezifischer Berufs- und Gesellschaftsgruppen angefertigt wurden. Die Abbildungen von Hämmerles Modeblog zeigen allerdings nur einen sehr kleinen Ausschnitt einer Gesellschaftsgruppe des 21. Jahrhunderts, die deshalb wohl auch keine Unterteilung benötigt. Gezeigt werden hauptsächlich kreativ oder kulturell beeinflusste Menschen der Gegenwart, die sowohl die Zeit als auch das Interesse an Selbstinszenierung durch Mode haben.
Trotzdem empfinde ich die Ausstellung als sehenswert, da sie Anregungen für eigene Modeideen bietet. Zudem bestätigt sie die These, dass Streetstyle-Fotografie genreübergreifend und keinesfalls uniform ist.




