Rezensionen

Schwanensee // Tagestipp // 16.01.11

Von Miriam Bittner

Ich mag Kinder, wirklich, sie sind ja sozusagen mein Klientel und ich mag es mir nicht mit meinen zukünftigen Kunden verscherzen, aber wenn ein vier oder fünf Jahre alter, kleiner Mensch in eine Ballettvorstellung geschleppt wird, dann wäre es doch angebracht, vor dem Einlass zu testen, ob der Lausebub denn wenigstens für drei Sekunden mal sein Schmollmündchen halten kann. Denn die Frage, die in Dauerschleife Runde um Runde gedudelt wurde, ob Mutti auch bemerkt hätte, dass alle Ballerinas Ballettschuhe trügen oder ob der schwarz gekleidete Herr dort auf der Bühne, mit dem stark geschminkten Gesicht und dem Federkleid denn nun der böse Onkel sei, half mir persönlich nicht gerade weiter. Und nach zwei Stunden noch viel weniger. Ich meine, die Kids können ja nichts dafür, wenn Mutti einen auf pseudokulturell tun will. Ich hätte mir mit fünf Jahren auch lieber in Unterbux und laut schmatzend Gummibärchen und SpongeBob reingezogen, anstatt zwei Stunden lang Menschen in viel zu engen Strumpfhosen zu beobachten, die nicht mal ein Sterbenswörtchen sagen. Also: hängt die Mutter.

Oder die Mütter, die im Gesamten betrachtet sogar noch schlimmer als alle Lausebübchen zusammen waren. Wer zum Henker versucht schon, mit einem Fotohandy aus 20m Entfernung im dunklen Saal Tänzer zu fotografieren, die Kreise und Pirouetten drehen? Und von den Pirouetten gab es einige!

Abgesehen von diesen kleinen akustischen und visuellen Störungen, war die Schwanenseeinszenierung eine wahre Explosion aus trippelnden Füßchen, wackelnden Popöchen und kreisenden Ärmchen. Faszinierend! Einfach faszinierend, wie ein Mensch es schafft, zwei Stunden am Stück seinen Körper in einen Zustand völliger Anspannung zu versetzten, wenn ein normaler Mensch nicht mal drei Minuten eine Wasserflasche halten kann, ohne einen Krampf zu bekommen. Ich zumindest.

Die Geschichte hielt jetzt zwar eher keine unerwartete Kehrtwenden für den Zuschauer bereit, sondern war wie das übliche Märchen gestrickt:
Große Party im Schloss zum runden Geburtstag.
Prinz soll verheiratet werden, aber irgendwie sind alle Damen am Hof nicht so sein Typ.
Dann trifft er die schöne Unbekannte
Und verliebt sich natürlich.
Der Böse will auch mal wieder böse sein.
Schickt seine Tochter den Prinzen um den Finger zu wickeln.
Der Idiot fällt auch noch drauf rein.
Und am Ende ist Schnätterätäng … alles wieder gut.
Die Liebe hat gesiegt!
Hach, wie schön, dass alle glücklich sind.
Sogar die Kinder, die sich endlich vor die Glotze fläzen können.