Rezensionen

Schumann-LiedLounge

von Sophia Berendt

Schumann 2010 – die Letzte

Es ist wieder soweit: ein Jahr ist um, Rückblick reiht sich an Rückblick und die besten Vorsätze werden gefasst für das neue Jahr, das kommen wird. Auch das Schumannjahr 2010 neigt sich dramatisch seinem Ende entgegen, so scheint es doch auch kein einziges Werk mehr zu geben, das in diesem Jahr noch nicht aufgeführt worden ist. Alle Sinfonien sind erklungen, Lieder wurden gesungen, Klavierstücke und kammermusikalische Werke wurden aufgeführt und auch die konzertanten und orchestralen Werke fehlten nicht – Düsseldorfer Institutionen, ihnen voran die Tonhalle, schlossen sich zusammen und brachten dieses Gesamtwerk auf die Bühne; ein Jahr, das Schumann in sich hatte. Und doch gibt es am 29.12.2010 um 19 Uhr noch eine Veranstaltung im Helmut-Hentrich-Saal der Tonhalle, die sich als letzte in dieses große Unternehmen einfügt. „Schumann-LiedLounge“ wird sie betitelt und beinhaltet ein Programm, das sich gewaschen hat: drei Stunden anspruchsvolle Musik inklusive zwei Pausen soll das Konzert dauern und es sollen (bis auf vier Lieder zum Schluss) nur Werke erklingen, die noch nicht gespielt wurden.

Die Holzwände hinter dem Flügel sind, wie es sich für eine echte Lounge gehört, atmosphärisch blau und rot bestrahlt und laut Intendanten Michael Becker konnten die Sessel und Sitzsäcke leider nur aus brandschutztechnischen Gründen nicht aufgestellt werden.

Hier nehmen sich nun zwei Sänger und zwei Sängerinnen, zwei Pianisten und ein Schauspieler der Aufgabe an, die Stücke zu interpretieren, die wohl so unbeliebt oder unbekannt sind, dass sich ihnen das ganze Jahr über anscheinend kein anderer annehmen wollte. Hätte der Titel dann nicht eher sein sollen: Schumann – das Letzte?

Und wie es oft so ist, ist das natürlich keineswegs der Fall. Den Kunstliedern mangelt es genauso wenig an wunderschönen Melodien, romantischen Themen und eindrucksvoller Sehnsucht wie den bekannteren Liedern des Komponisten. In einem, nicht immer ganz nachzuvollziehenden Wechsel singen vor allem der Tenor Norbert Ernst und die Sopranistin Franziska von der Weth die meisten dieser Lieder mit einer fesselnden Inbrunst und technisch einwandfreier Präzision. Leider merkt man allzusehr, aus welchem Metier die beiden eigentlich kommen; so verlieren sie sich während ihrer Interpretationen so sehr in ihren lauten, mehr als den Raum füllenden Vibrati, dass zwischenzeitig nicht mehr ganz klar ist, was eigentlich gesungen wird, Oper oder Kunstlied?

Der Bassist Sami Luttinen, der auf den ersten Blick überhaupt nicht aussieht wie der stimmgewaltige Sänger, der er ist, überzeugt das gesamte Publikum mit seiner fantastischen Interpretation der „Vier Husarenlieder“. Höhepunkt des Abends ist allerdings nicht die Gattung Kunstlied: Mitreißend und mitunter tragisch präsentieren der Schauspieler und Freiberufler Bernt Hahn sowie der Pianist Roland Techet drei Balladen für Klavier und Deklamation, die vor allem durch den hervorragenden Vortrag von Hahn glänzen. Ob nun von der Liebe zu einer jungen Magd in „Schön Hedwig“ op.106 oder der tragischen Figur des Heideknaben op.122 erzählt wird; er zieht den Zuhörer so in den Sog der Geschichte, dass man erst zum Schluss wieder tief einatmen kann.

Roland Techet und der andere begleitende Pianist Stephen Harrison, der Operndirektor der Deutschen Oper am Rhein, führen das Publikum darüber hinaus während des Konzertes durch das Programm und geben Anhaltspunkte zum besseren Hören der Stücke, wobei sich Herr Techet ein wenig zu sehr in seinen Ausführungen ergeht. Auch ist man etwas erschrocken über einige übertriebene und extravagante Gesten der Aufführenden. Dennoch kann alles die Tatsache nicht trüben, dass ganz fantastische Werke zu hören waren, die man sonst wohl eher selten zu Ohren bekommt. Und außerdem konnte auch der kostenlose Kir Royale, der im Konzertticket enthalten war, all diese Kleinigkeiten gut kaschieren. Schumann soll ihn wohl auch in größeren Mengen zu sich genommen haben.

Veranstaltung: Schumann-LiedLounge