Katja Panyutina
Von Kunst, Licht und Schatten
Die Nacht ist ein großer Schatten, aber ist eine Nacht der Museen nicht hell erleuchtet? Das ist sie auf jeden Fall. Scheinwerfer, riesige Projektionen und helle Ausstellungsräume. Aber wo Licht ist, ist auch Schatten, wo Scheinwerfer sind, sind auch Silhouetten und schattige Wege. Die Schatten faszinieren aber auch viele Künstler. Und so kann es kommen, dass man in der Nacht der Museen häufiger mit ihnen in Berührung kommt als gedacht.
Unsere Nacht der Museen beginnt aber zunächst einmal in hellster Helligkeit im Monkey’s East, wo Düsseldorf ist ARTig mit einigen Kunstwerken, vor allem aber mit einer bunten Mischung aus Musik, Lyrik und Filmen von Teilnehmern des ARTig-Festivals vertreten ist. Da um 19:00 Uhr noch keine Aufführung stattfindet, genießen wir einfach die entspannte und lockere Atmosphäre, sehen uns die ausgestellten Fotos an und informieren uns über die Bewerbung für das ARTig-Projekt.
Nach einer Stunde begeben wir uns nach Bilk in das Pretty Portal, wo schon die ersten Schatten aufziehen, genau genommen die „Urbane(n) Schatten“ von dem Street Artisten Sam3. Obwohl in Bilk nicht wirklich das Feeling einer Nacht der Museen aufkommt, weil es doch eher abseits des Zentrums liegt, stehen ziemlich viele Leute vor der Galerie. Ein Blick hinein lohnt sich auch auf jeden Fall, denn die ausgestellten Bilder, sowie ein Buch mit Fotos von Sam3′s Street-Art Kunstwerken sind poetisch und nachdenklich. Meist sind es schlichte, schwarze Silhouetten, die mal schaukeln, ihre Gesichter austauschen oder ihren Kopf an einer Kette hinter sich herziehen. Es ist ein Spiel mit schwarz und weiß, mit Formen und Körpern.
Kunst ist philosophisch.
Nach einer Pause – inzwischen ist es dunkel geworden – steigen wir in einen Shuttle-Bus, der uns zum Ehrenhof bringen soll. Wir gehören zu den Glücklichen, die noch einen Sitzplatz ergattern können, denn nach jedem Halt wird die Menge der Leute größer und größer. Viele blättern in ihren Guides – jung und alt, schick und locker. Jetzt hat man das Gefühl, Teil von etwas Großem zu sein: wir sind die Auserwählten, die durch die dunkle Nacht gefahren werden, verbunden durch das Interesse an diesem Kulturmarathon.
Keine Probleme also, sich am Ziel zurechtzufinden: aussteigen, immer schön den Menschen hinterher, einmal um die Ecke und schon sind wir im pulsierenden Zentrum angelangt – im hell erleuchteten Innenhof des museum kunst palastes. Musik hallt durch die Nacht, die Menschen trinken, spazieren oder entspannen in extra aufgestellten Liegestühlen (natürlich sind alle besetzt). Trotz kühler Temperaturen glaubt man, in einer warmen Sommernacht unterwegs zu sein. Die Liegestühle sind zur Mitte des Hofes hin gerichtet, wo in kurzer Zeit eine Skateshow beginnen soll. Nebenan ist eine Wand, an die die Besucher Paintballs zur Entstehung eines gemeinsamen Kunstwerkes werfen können und es auch begeistert tun – grüne und gelbe Kleckse dominieren.
Kunst ist Party.
Überall Anreize stehen zu bleiben, irgendwo hinein zu gehen, sich dazu zu stellen. Aber wir haben einen Plan: wir wollen in die Robert Mapplethorpe Ausstellung im NRW-Forum. Einen dunklen, schattigen Weg entlang, vorbei an den pinken und blauen Scheinwerfern, ein kurzer Blick auf die bunte und seltsame Projektion an die Mauer des NRW-Forums. Vor uns fragt ein Mädchen seine Mutter: „Soll das Kunst sein?“
Der Ein- und Ausgang ist in einem ständigen Fluss – die Besucherflut strömt rein und raus. Die Ausstellung ist also recht voll, es ist etwas stickig, aber genug Platz, um die Bilder zu sehen. Und zu sehen gibt es auf jeden Fall etwas. Menschen, Blumen, Penisse. Auf zwei Flügel aufgeteilt erstrecken sich die ästhetischen schwarz-weiß-Bilder des umstrittenen Fotografen. Nur wenige Menschen an der Wand mit seinen Blumenfotos (die ja eigentlich wunderschön sind), dafür leichtes Gedränge an der gegenüberliegenden Wand mit den Bildern, von denen einige schlicht und ergreifend den Namen „Cock“ tragen. Gekicher, aber auch Verständnislosigkeit angesichts der offenherzig inszenierten Genitalien.
Kunst ist umstritten.
Nach dem Rundgang durch das NRW-Forum ist es definitiv Zeit, sich kurz zu setzen und das nächtliche Treiben – Dunkelheit, Scheinwerfer, Menschen, Stimmen, Lachen und die durch die Nacht hallende Musik – auf sich wirken zu lassen. Menschensilhouetten, in blaues und pinkes Scheinwerferlicht getaucht, sind unterwegs zum Innenhof vom museum kunst palast, wo gerade die Skateshow begonnen hat. Es hat etwas von Festivalstimmung. Allerdings müssen wir weiter und gehen zur Bushaltestelle, von wo aus man noch die große, mit einem knalligen Effekt versehene Projektion des Skaters beobachten kann. Noch ein Blick zurück zum hell erleuchteten museum kunst palast und auf in die Linie 3 zur letzten Station – dem Filmmuseum.
Leider werden die alten Trickfilme von Emile Renaud nicht mehr gezeigt (es ist schließlich schon fast ein Uhr nachts), also widmen wir die letzte Stunde der Ausstellung zu Roman Polanski, der Filmgeschichte und dem Scherenschnitttheater- und Film. Wir sehen einen kurzen Scherenschnitt-Trickfilm von Lotte Reiniger, üben uns in Schattenspielen, und entdecken die Camera Obscura.
Nach einem letzten kurzen Rundgang in der Roman Polanski Ausstellung – es ist inzwischen schon zwei – sind wir am Ende unserer Nacht der Museen angelangt. Schwarze Figuren auf Hauswänden, schwarz-weiß-Fotografie, schattige Wege und Silhouettenfilme – so schließt sich der Kreis von Licht und Schatten.
Von Eindrücken überschwemmt gehen wir zur U-Bahn.
Wir merken: Kunst macht müde. Aber auch viel Spaß.
Fotos: Katja Panyutina




