Von Sophia Berendt
Kinder sind größer, als Erwachsener so denkt
Die vorletzte Aufführung des Stücks „Pünktchen und Anton“ ist trotz des sommerlichen Hochs am Ostersamstag voll bis unter die Decke. Die Hauptbühne des Centrals, der mittlerweile schon nicht mehr ganz so neuen Spielstätte des Düsseldorfer Schauspielhauses, ist von einem weißen Vorhang verdeckt. Aufgeregt warten vor allem zahlreiche Kinder auf den Beginn der Vorstellung.
Dann geht es los. Mister Zeigefinger (Philipp Grimm), der Conferencier des Nachmittags, der Märchenonkel des Schauspiels, der Erich Kästner der Inszenierung, betritt die Bühne und lädt das Publikum in eine Geschichte ein, die er des Weiteren auch immer wieder kritisch kommentieren und unterbrechen wird – zum Verständnis. Um den Kindern mitzuteilen, dass es hier um wichtige Themen geht: Um Armut und Ungerechtigkeit zum Beispiel.
Pünktchen kommt aus einem reichen Elternhaus, in dem sie ein eigenes Kinderfräulein besitzt, in dem eine Haushälterin, die dicke Bertha, für die rechte Küche sorgt und in dem ihre Eltern, der Direktor Pogge und ihre wahlweise gesellschaftssüchtige oder migräneanfällige Mutter, keine Zeit für ihr Kind haben. Anton, Pünktchens Freund, lebt mit seiner kranken Mutter in einer kleinen Wohnung und muss sich neben der Schule auch noch sowohl um den Unterhalt als auch um den Haushalt kümmern.
Dann geht es um Verschlagenheit und Gewalt: Pünktchen und Anton lernen sich nämlich beim Betteln kennen, weil das piekfeine Kindermädchen Fräulein Andacht Geld für ihren bösartigen Verlobten Robert eintreiben muss. Aus lauter Angst vor ihm hilft sie sogar, einen Einbruch in das Haus Pogge zu planen. Diesen können Pünktchen und Anton im Laufe der Geschichte natürlich verhindern. Und nicht zuletzt geht es hier natürlich um eines: eine Freundschaft, die so stark ist, dass sie sich über die Grenzen der verschiedenen Lebensumstände hinwegsetzen kann, die die fehlende Fürsorge und Zeit der Eltern kompensiert, in der man sich hilft und die einfach glücklich macht. Kinder sind eben größer, als Erwachsener so denkt.
Fazit: ein Stück, aus dem viel gelernt werden kann, eine beispielhaft geniale Kästnergeschichte, die nicht nur Kindern Einiges vor Augen führen kann. Wenn nun eine solche Geschichte auf die Bühne gebracht werden soll, stellt sich natürlich die Frage: wie inszeniere ich sie am besten, damit sie Kinder unterhält, berührt, anregt?
Keine leichte Aufgabe, möchte man im Vorhinein denken – im Nachhinein ist es das auch offensichtlich nicht, denn was hier dabei herausgekommen ist, wird sowohl den zuschauenden Kindern, als auch dem Anspruch der literarischen Grundlage nicht gerecht. Das größte Manko ist hier wohl die absolut fehlgeschlagene Besetzung von Pünktchen und Anton: Pünktchen absolut ohne das pünktcheneigene Charisma, Anton im Verhältnis aussehend wie 25-?! Wie soll eine Geschichte zweier Protagonisten vermittelt werden, wenn diese beiden nicht stimmen? Dieser Fehler wirkt sich leider auf das gesamte Stück aus, das durch die Ausstrahlung des Zeigefingers, das wunderbar kindgerechte Schauspiel der dicken Bertha (Barbara Wurster) und das herrlich pikierte und verbogene Fräulein Andacht (hier gespielt von Tina Amon Amonsen) durchaus auch seine lehrreichen und komödiantischen Momente enthält. Auch das Bühnenbild ist eine wahre Augenweide; mit einer Drehbühne, einer Brücke und einem weiter zurückliegenden Nachthimmel wird der Raum der Bühne zum Vorteil für die Geschichte sehr geschickt genutzt und vor allem das Wohnzimmer der Familie Pogge bietet mit diamantbehangener Lampe über dem Esstisch eine tolle Vorlage für das aufgesetzte Gehabe von Pünktchens Mutter.
Das alles kann dann aber auch nicht über die musikalischen Einlagen hinwegtrösten, die Thomas Zaufke eigens für die Geschichte komponierte. Die Musiker untermalen mit den rein instrumentalen Momenten die Vorstellung perfekt: sie helfen ihr nämlich, sich auszudrücken, sich einzuprägen. Aber die Lieder, die von den Schauspielern gesungen werden, sei es das Lied der dicken Bertha im Tangorhythmus, die traurige Ballade von Pünktchen über Eltern ohne Zeit, oder das zum Klatschen ermunternde Titellied „Alles ist möglich“, sind leider in erster Linie ein Abbild von einfallslosen Textern.
Wenn man bei einem solchen, primär für Kinder gedachten Stück, Kritik übt, sollte man sich das gut überlegen. Weiß man denn selbst, ob die manchmal vereinfachten Darstellungen und das oft im Kindertonfall Gesagte des Direktors, sowie die gesanglichen Einlagen nicht zum Verstehen der Geschichte beitragen? Was begeistert Kinder? Was führt dazu, dass sie die angesprochenen und immer aktuellen Kerne der menschlichen und gesellschaftlichen Interaktion in sich aufnehmen?
Meine Erfahrung in dieser Inszenierung war eine Eindeutige. Ein ernsthafter, humorvoller aber bestimmter Zeigefinger macht sich immer gut. Und eine mütterliche dicke Bertha, die dem Einbrecher, Robert dem Teufel, den Schinken über den Kopf haut, die kommt auch an. Überhaupt jede eher pantomimisch dargestellte Situation ließ die Spannung der Kinder steigen, die Augen gebannt auf die fast slapstickartig agierenden Schauspieler gerichtet (was übrigens auch für die älteren Anwesenden die besten Szenen waren). Kinder brauchen es gar nicht so einfach. Kinder brauchen es darstellend.
Eins ist klar: die Lieder sind neben ihrer mangelnden Qualität auch noch überflüssig. Und wenn beim Pünktchen kein Fünkchen überspringt, merken das auch Kinder. Die haben übrigens leider am meisten gelacht, als Anton den bösen, erpressenden Klepperbein aus der Klasse über ihm verdrosch. Ob das Sinn der Sache war?




