Rezensionen

Prometheus Landschaft II

Von Susanna Ott

„Wo ist unser Held?“

Hat das Stück etwa begonnen? Ist diese etwas minder ästhetische Masse von Mann, die unbekleidet und mit Stricken gefesselt auf einem Metallstuhl sitzt, etwa Prometheus? Das Genie, das sich selbst verwirklichte und sich auf eine Stufe mit den Göttern des Olymps stellte. Nein, er ist es nicht. Denn zwei weitere Schauspieler betreten die Bühne. Ein Mann und eine Frau, in schwarz und in weiß gekleidet, flankieren sie den gefesselten Koloss, rauchen und legen die Fragen und Spielregeln des Stückes fest.

„Fuck you Sigmund Freud! Fuck you Alfred Adler. Fuck you Carl Jung. Fuck you Psychofuckers!”, schreit uns einer der Schauspieler entgegen.

Bevor also das Stück „Prometheus Landschaft II“ des Radikalperformers Jan Fabre beginnt, wird uns nahe gelegt, dass das was folgt nicht mehr durch die beliebteste Entschlüsselungsmethode unserer heutigen Gesellschaft verstanden und erklärt werden kann. Wir verabschieden uns von der Psychologie, der Vorhang öffnet sich und wir werden konfrontiert mit der Willkür der Götter und mit der Geschichte des tragischen Helden Prometheus.

In der griechischen Mythologie steht Prometheus für Rebellion, Stolz, Trotz, Provokation, Selbstbewusstsein und Selbstverwirklichung, denn er stahl den Göttern das Feuer und gab das Machtmittel den Menschen. Am Ende wird Prometheus für seine schöpferische Tat hart bestraft. Von Zeus an den Berg Kaukasus gekettet, ist er nicht nur der Natur ausgeliefert, sondern auch Adlern, die Tag für Tag seine, über Nacht neu wachsende, Leber zerreißen.

Jan Fabre setzt diesen Mythos von der Sehnsucht Prometheus’, das normale Maß des Menschlichen zu überschreiten, visuell gewaltig, alptraumhaft und intensiv in Szene. Denn das ganze Stück über hängt Prometheus, wie ein Mahnmal, eine Drohung der Götter an die Menschen, entgegen aller Erwartungen, hilflos an vier Stricken im Zentrum über der Bühne. Der heldenhafte Überbringer des Feuers wird zum tragischen Opfer stilisiert.

Wir sind Zuschauer, wenn Naturgewalten wie Wind, Feuer, Wasser und Sand über Prometheus herfallen. Die Elemente und die Menschen, denen Prometheus eine mächtige Waffe gab, tanzen ekstatisch um ihn herum, preschen nackt über den Sand der Zeit und zelebrieren lüstern das Feuer, das sie auch teilweise gierig verschlingen!

Und Prometheus, geläutert und machtlos, muss dem schändlichen und teilweise zerstörerischen Missbrauch des Feuers, das er den Menschen brachte, beobachten.

„Lehren heißt zerstören!“

Somit brennt und schreit alles auf der Bühne und zuckt epileptisch über den Boden, während das Feuer lodert.

Wir kreisen um die Fragen, die am Anfang dieses berauschenden Stückes gestellt wurden, wie die Adler um Prometheus Leber.

„Sind wir verzweifelt?“

„Wo ist unser Held?“