– tanzt, tanzt sonst sind wir verloren
Von Katharina Mannel
Pina Bausch, eine Ikone, Innovatorin, Ideengeberin und leidenschaftliche Choreografin, Tanzpädagogin und Tänzerin, die es geschafft hat, sich von den Konventionen des klassischen Tanzes zu lösen und den Bühnentanz damit von seinen strengen Formen zu befreien. Denn sie interessierte nicht mehr, wie der Mensch sich bewegt, sondern was ihn bewegt.
Wim Wenders hat nun versucht, die Arbeitsweise und Philosophie dieser Ausnahme-Choreografin einzufangen, die wie keine andere die Tanzlandschaft geprägt und die Form des „Tanztheaters“ erst möglich gemacht hat. Alle Stücke von Pina Bausch handeln von tiefsten menschlichen Beweggründen und erzählen mit Sprache, Bewegung, Musik und Schauspiel Geschichten, die nach dem gesehenen Stück nur schwer in Worte gefasst werden können. Genau deshalb scheint es Pina Bauschs Tanztheater zu geben: Weil sie mit Tanz da anfängt zu erzählen, wo Worte nicht mehr erahnen lassen, was einen bewegt, sondern nur noch getanzte Bewegung, die innere Bewegung darstellen kann.
Der Erzählform Pina Bauschs hat sich Wenders dann auch in der filmischen Struktur von Pina angenähert: Die im Sommer 2009 verstorbene Choreographin erarbeitete Stücke, indem sie ihren Tänzern Fragen stellte und sie mit Bewegungen antworten sollten. Es gab also keine vorgefertigten Choreografien, sondern jedes Stück entstand aus einem interaktiven Prozess, den die Tänzer selbst mit ihren Bewegungsantworten prägten.
Wenders hingegen befragte alle Tänzer zu Pina. Mit direktem Blick in die Kamera erzählen die Tänzer ihre Gedanken und Erinnerungen. Diese Momente verbindet Wenders mit getanzten Antworten. In dem Film werden vier Bühnenstücke in Ausschnitten gezeigt und dann mit im Ruhrgebiet und im Bergischen Land gedrehten Tanzszenen kombiniert. In Pina wandern die Tänzer mit ihren Bewegungen an verschiedene prägnante Orte der Heimat Pina Bauschs wie Wuppertal, dem Zuhause ihres Tanztheaters und Solingen, ihrer Geburtsstadt. Die Aufnahmen erscheinen wie eine geographisch angelegte biographische Suche nach Pina und ihrem Schaffen.
Auch mit der Wahl des Mediums 3D-Film bewegt sich Wenders nah an der Arbeitsweise Pina Bauschs. Die Tänzer schieben sich in den für Bausch typischen Wiederholungen dicht an der Kamera vorbei über die Bühne. Endlich scheint man Teil eines Stückes von Pina Bausch sein zu dürfen, nicht nur Betrachter von außen, sondern selbst miterlebend und mitfühlend eingebunden in das Stück und die Sehnsucht der Bewegungen förmlich spürend. Wie der Untertitel des Films, ein Zitat von Pina Bausch, sagt: „Tanzt, tanzt sonst sind wir verloren“ – der Zuschauer tanzt zwar nicht selbst, doch hat er die Möglichkeit, mit seiner ästhetischen Erfahrung in dem Moment des Tanzes auch Teil der tänzerischen Bewegung zu werden.
Als eines der von ihr viel genutzten natürlichen Elemente vergegenwärtigt Erde in dem Tanzstück »Le Sacre du Printemps« den Sinn der genutzten 3D-Technik: Wenn der Torf sich auf den Tänzerkörpern verbindet und ihre Konturen dreidimensional nachzeichnet, meint man den modrigen Geruch und die Angst der panischen Tänzer der Opferszene beinahe zu riechen. Mit der Nutzung von 3D wird diese Aura im Film erlebbar und man hat die Möglichkeit, endlich ganz nah dran zu sein am Stoff, aus dem die Stücke Pina Bauschs sind.




