Rezensionen

Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss // Schauspielhaus // 28.05.11

Von Hanna Lessmann

Die große Bühne im Central erinnert heute an einen Boxring – sie ist quadratisch, der Kampfbereich wird von einer Brüstung umspannt und die Theaterbesucher sollen an diesem Tag die Schaulustigen darstellen, die sich normalerweise um die Boxer bilden. Der Kampf um den Sieg bei „Eternity Dance“ – der Kampf um 222.000 EUR.

„Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss“ ist an den gleichnamigen Roman von Horace McCoys aus dem Jahr 1935 angelehnt – ein Roman über die „dance marathons“, die zur Zeit der Weltwirtschaftskrise in den zwanziger Jahren in den USA zur Massenkultur wurden. Die Zuschauer werden durch eine berechnete Dramaturgie gewonnen, Wege des Leidens werden mitverfolgt und „es geht um echtes Elend – dann geht es [den Menschen] wenigstens ein bisschen besser“ – so die Worte des Moderators, der auf die Situation der Menschen zur Zeit der Depression eingeht. Geld stellt in diesem Stück einen roten Faden dar – es ist Auslöser für die Teilnahme an dem Wettbewerb und von dem Gewinn versprechen sich viele ein weniger schweres Leben.

Das Schauspiel beginnt am Tag 2 mit insgesamt 33 Tanzpaaren und endet knapp drei Stunden später am Tag 45 mit weniger als 5 Paaren. Mehr als ein Monat Wettbewerb wird auf eine Art und Weise dargestellt, die sprachlos macht – das Entsetzen über den Verkauf der Tänzer an ein Regelsystem, das Entsetzen über die Manipulation der Teilnehmer durch die Veranstalter und das Entsetzen über die Medien- und Unterhaltungsindustrie, der sich auf ähnliche Weise auch heute die Menschen unterwerfen.

Grandiose Leistung der Schauspieler, die entweder die Macht und das Kalkül der Veranstalter, oder die anfangs kampfwilligen und am Ende gebrochenen und traumatisierten Teilnehmer, darstellen. Zusammen mit dem Bühnenbild, das die Goldenen Zwanziger lebendig macht, ergibt sich ein hochklassiger Theaterabend.