Von Katharina Mannel
Ein betörendes Meisterwerk
Die Romanvorlage und auch der Film spielen Ende der 60er Jahre. Es ist die Zeit der Studentenunruhen in Japan, eine Phase der sexuellen Befreiung. Während Haruki Marukamis Roman wegen seiner expliziten Geschlechtsdarstellungen auf einige Kritik gestoßen war, geht der Film „Naokos Lächeln“ das Thema Sexualität dezent an. Betont werden eher die Unsicherheiten seiner Hauptperson Watanabe (Kenichi Matsuyama), sein kompliziertes Erwachsenwerden, seine Verluste und seine Erinnerungen.
Jedes Mal, wenn Watanabe den alten Beatles-Song „Norwegian Wood“ hört, versetzt es ihn schwermütige Erinnerungen: Bereits in jungen Jahren muss sich der nachdenkliche Watanabe mit dem Verlust eines geliebten Menschen auseinandersetzen. Der tragische Selbstmord seines Freundes Kizuki beschäftigt allerdings nicht nur den jungen Studenten, sondern vor allem die zarte und verletzliche Naoko (Rinko Kikuchi), Kizukis hinterbliebene Freundin, die sich den Selbstmord auch nicht erklären kann. Der um Naoko besorgte Watanabe freundet sich mit dem jungen Mädchen an. Zunehmend zeigt sich eine innige Seelenverwandtschaft, aus der letztlich sogar Liebe wird. Doch Naokos Trauer um den verstorbenen Kizuki findet trotz neuem Liebesglück kein Ende. Wie ein Trauma hängt der Selbstmord Kizukis über ihrer Liebe zu Watanabe und nimmt der neuen Liebe somit ihre Unschuld. Um ihre seelischen Schäden kurieren zu können, begibt sich Naoko in eine Erholungsanstalt. In der Zwischenzeit lernt Watanabe die temperamentvolle und lebenslustige Midori (Kiko Mizuhara) kennen, die mit ihrer selbstbewussten Art all das ist, was Naoko niemals sein kein. Nun muss sich Toru entscheiden, ob er auf eine glücklich werdende Liebe mit Naoko hofft oder er sich in der Lebenslust und Aufgewecktheit Midoris verliert, die aber nicht Naokos Tiefe und Zartheit besitzt – genau die Eigenschaften die Naoko für Watanabe so attraktiv machen, aber sie auch gleichzeitig daran hindern glücklich zu werden. Eine Geschichte über Leid und Liebe und deren immer weiter verwischenden Grenzen.
Der aus Vietnam stammende Regisseur Tran Anh Hung hat für „Naokos Lächeln“ wunderbare Bilder geschaffen. Seine Landschaften glaubt man im Kino körperlich spüren zu können, so intensiv sind der Wind in den Bäumen, so mächtig die Wellen am Meer. Und immer wieder kommt die Kamera seinen Figuren fast hautnah. Manchmal, so scheint es, verschmelzen Natur und Mensch miteinander, bilden eine Einheit. So spiegelt er den Schwebezustand der Figuren – zwischen Liebe und Schmerz – in den fliegenden Bildern wieder, die immer mehr an Höhe und Rasanz gewinnen und selbst schwebend sind. „Naokos Lächeln“ ist trotz der beeindruckenden Bilder ein schwermütiger Film. Ein Film, der den Lebens- und Liebeshunger junger Menschen im Japan der 60er Jahre auf bedrückende Weise zeigt.




