Von Dennis Palmen
Unkonventionelles, düsteres Märchen
Fritz Langs Filmklassiker als Bühnenstück? Mit „Metropolis – Visionen“ zeigt das Düsseldorfer Marionettentheater eine ungewöhnliche, stilistisch mutige Version des wegweisenden Stummfilms von 1927. Der gemütliche, liebevoll mit Figuren aus alten Stücken dekorierte Aufführungssaal im Palais Wittgenstein ist normalerweise Schauplatz von fantastischen Märchengeschichten, zu denen Sprachaufnahmen in Hörbuchqualität präsentiert werden. Doch die Adaption eines Stummfilms resultiert hier auch in einem relativ sprachlosen Marionettentheaterstück.
Völlig lautlos geht der Abend allerdings nicht über die Bühne. Düstere Metallgeräusche, Wassertropfenechos und dumpfes Rauschen ertönen zu Beginn der Geschichte, wenn man schwarze Gestalten durch eine metallisch anmutende Kulisse huschen sieht. Die Puppenspieler werden Teil der Maschinerie und bewegen sich im Zahnradrhythmus zu den Industrial-Sounds. Glorreiche Synthesizer-Fanfaren erklingen und das wunderschön gemalte Metropolis erscheint. Schnell wird gezeigt, das auch diese glanzvolle Großstadt noch eine zweite Seite, eine Unterwelt, hat, in der Arbeiterkolonnen im erbarmungslosen Akkord Maschinen bedienen müssen, damit Metropolis funktioniert. Das Fehlen von Sprache und Dialogen ist zuerst ein wenig befremdlich, dann lässt man sich aber schnell auf die Erzählform im Stummfilmstil ein, zumal Ortsangaben und einige wichtige Informationen dann doch als Text projiziert werden. Die gezeigten Szenen sind Handlungsfragmente, in denen sich die Arbeiterin Mara und Maurice, der Sohn des Herrschers von Metropolis, begegnen und das Geheimnis eines verschollenen Buches aufzuklären versuchen. Zwischendrin werden kürzere Sequenzen und Bilder, wie zum Beispiel im Schwarzlicht zu erkennende Koffer einer riesigen Masse aus Pendlern und Rush-Hour-Passanten gezeigt. Schließlich wird Mara von Doktor Rotwang, einem hochtechnologisierten Frankenstein, entführt und ihre Seele in einen Arbeitsandroiden transferiert. Auch in dieser modernen Variante von Mary Shelleys Geschichte geht das Experiment schief, schließlich sind die Maschinen überlastet und Metropolis fällt in sich zusammen. Die in dunklen Katakomben verborgenen Metropolis-Visionen, ein uraltes, in Glyphen verfasstes Buch zur Geschichte und Art der Menschen, können schließlich von Maurice entschlüsselt werden. Ein sehr schönes Zitat, zwar nicht gesprochen, sondern nur als Text eingeblendet, gibt Mara hierzu im Vorfeld von sich, als Maurice sie fragt, ob Bücher denn nicht in Metropolis verboten seien: Waren Wahrheiten jemals erlaubt?
Fazit: Auch eine unkonventionelle, düstere Geschichte, die eher metallisch und dunkel als quietschbunt daherkommt, kann ein faszinierendes, mysteriöses Märchen sein, auch wenn es zum Schluss kein wirkliches Happy End gibt.




