Rezensionen

Le Cirque Invisible

Von Katharina Mannel

Der unsichtbare Zirkus – Wenn die Zeit in Schönheit und Phantasie stehen bleibt

So unbeschwert wie ein warmer Sommermorgen und so schön und flüchtig wie ein Regenbogen. Jean Baptiste Thierrée und Victoria Chaplin beweisen in ihrem „Cirque Invisible“, dass es nicht immer die großen Effekte sein müssen, um das Gefühl des Glücks in uns hervorzurufen. Beide haben sich den Blick und die Phantasie von neugierigen Kindern bewahrt und bezaubern uns genau mit diesem flüchtigen und unbeschwerten Glück.

Sie entdecken alltägliche Gegenstände wie Kleider, Gläser, Uhren und Tische immer neu und zweckentfremden sie zu fantastischen Skulpturen. Sie verblüffen durch ihre Verwandlungen mit Blumentöpfen, roten Japanschirmen und Zweirädern in wundersame Wesen, die sich gegeneinander aufbäumen und sich immer wieder neu verwandeln. Aus Regenschirmen werden große geheimnisvolle Gestalten und obwohl es nichts außer Regenschirme sind, verblüfft uns die Schönheit des Moments und die Phantasie dieser Idee so sehr, dass wir in dieser Welt einfach verharren wollen.

Aber das Grazile und Flüchtige wechselt sich ständig ab mit den Auftritten des charmanten und gewollt unbeholfenen Thierrée. Wenn er versucht zu jonglieren, die Bälle runterfallen und er sie erst einmal verarzten muss, können wir gar nicht anders als zu lächeln – Lächeln über diesen liebevollen Mann mit seinen weißen Haaren und großen Augen, der mit seinem Charme auch den einfachsten Klamauk liebevoll erscheinen lässt. Es geht nicht um die Zaubertricks, es geht nicht darum, dass er einen Hasen aus einer Box zaubern kann, sondern es geht darum, wie er es macht und wie er uns damit begeistern kann. Auch wenn wir verstehen wie der Trick funktioniert, sehen wir doch nur die Liebe und die Herzenswärme, die er für seine phantasievollen Tricks verwendet. Es geht nicht um das verstehen, sondern darum sich verzaubern zu lassen. Chamäleon-artig und mit unendlich viel Detailliebe fügt er sich jedes Bild ein. Er steht komplett im Zebraanzug auf der Bühne, auch der Koffer ist in Zebramuster und selbst die Seiten seines Buches sind in Zebramuster, aber im nächsten Moment ist er schon wieder ein Zauberer oder ein Blumenmensch, immer mit passenden Koffer. Aus diesen Koffern zaubert er dann kindlich schöne Geschichten. In dieser Welt können selbst Seifenblasen aus Glas sein und zum Klingen gebracht werden.

Den Gegenpart zu seinen witzigen Verkleidungen und Geschichten bildete Victoria Chaplins grazile Art. Ihre Metamorphosen brauchen keine Erklärung, keine Worte und keinen Klamauk. Sie sind der zerbrechlich wirkende Gegenpart. Lachten wir noch in einem Moment über die Details Thierrées, so sind wir im nächsten Moment wieder gefesselt von der Anmut und Bildhaftigkeit ihrer Metamorphosen. Leichtfüßig verwandelt sie sich vom Schaukelstuhl-Monster in eine Dame, macht den Teetisch unterm kreiselnden Sonnenschirm zum Kamel und lässt sich von einem Drachen verschlucken, um dann wieder als neues Fabelwesen aufzustehen. Sie kommt mit Gläsern, Kuchenform und Schalen am Körper als lebendiges Glockenspiel und bringt es zum Klingen. Gelenkig und zierlich gleitet sie über die Bühne und sinkt auf dem Drahtseil in den Spagat, dabei sucht sie aber nicht den Kontakt zum Publikum, sondern bleibt in ihrer eigenen Welt, in ihrer eigenen Kunst und trotzdem lässt sie uns einen Moment an diesem Glück teilhaben.

Die Feinsinnigkeit und Poesie dieser Momente, lässt die Zeit für einen kurzen Augenblick stehen bleiben. Es ist keine Bilderflut, die uns täglich in den Medien begegnet, sondern sie Sanftheit eines warmen Sommermorgens, die uns Unbeschwert und frei macht – und vor allem glücklich.