Von Miriam Bittner
Das Bild auf dem Cover des Programmheftes zeigt mehr als deutlich, wie man sich das Leben der drei Sozialarbeiterinnen Barbara, Anika und Silvia vorzustellen hat: ein Hamsterrad, das sich schneller und schneller dreht, während man das Gefühl hat, einfach nicht von der Stelle zu kommen.
Das am 20. Januar 2008 uraufgeführte und für das Rheinische Landestheater neuinszenierte Theaterstück „Kaspar Häuser Meer“ erzählt die Geschichte dieser drei verzweifelten Frauen (Desperate Housewives ist nichts dagegen), die wegen dem Burnout ihres Kollegen gezwungen werden, sich auf ihre eh schon überfüllten Schreibtische noch einige Stapel mehr an Fällen und Papierkram und vor allem Stress zu laden. Es erzählt die Geschichte dieser drei verzweifelten Frauen, die alles daransetzten, verwahrlosten Kindern zu helfen und sie zu schützen und dabei nicht nur an die Grenzen des Gesetzes, sondern auch an ihre eigenen Grenzen stoßen. Während uneinsichtige Eltern sie nerven und beschimpfen, der Chef sie zurechtstutzt, die Presse ihnen Vorwürfe macht, vernachlässigen sie Freizeit, Gesundheit und ihre eigene Familie. Und hinter allem steht der Druck, nicht versagen zu dürfen, nichts übersehen zu dürfen, nicht den Überblick im Chaos verlieren zu dürfen, da hinter jeder Türe ein Kind kurz vor dem Tod stehen könnte.
Obwohl es sich keine der drei Frauen so recht eingestehen will, aber die Überforderung ist bis in die letzte Zuschauerreihe zu spüren. Wie ein nicht enden wollender Wasserfall plätschern die Worte nur so aus ihren Mündern, abgehackt, unzusammenhängend, mal gequietscht, mal gekreischt, mal geschrien. Dann die Telefonzelle, die immer dann zu läuten beginnt, wenn zwei Sekunden Stille herrscht und schon der nächste Fall die Aufmerksamkeit der Drei fordert. Ganz davon abgesehen, dass permanent Blätter, Aktenblätter auf sie herniederregnen und schon den ganzen Boden bedecken. Der Mülleimer quillt über, die Walkingstöcke immer in der Hand, immer unterwegs, immer in Bewegung.
„Kaspar Häuser Meer“ trifft den Nerv der Zeit. Wahrscheinlich geht es in den Sozialämtern der Städte tatsächlich so zu, wie bei Barbara, Anika und Silvia. Es gibt einfach zu viele Ecken, an denen es bröckelt und zu wenige, die etwas dagegen unternehmen (und die, die was tun, denen wird schlussendlich noch der Vorwurf gemacht, nicht genug getan zu haben). Die Charaktere: Menschen mit Lastern wie Alkohol und Selbstzweifeln, Menschen wie du und ich. Die Bühne: keine staubige Büroeinrichtung, sondern ein dichter, dunkler Wald, in dem man sich leicht verirren kann. Die Dialoge (und oft auch gebrabbelte Monologe): authentisch und herrlich verwirrend.
Alles in allem ein intelligentes Stück, das auf unterhaltsame Weise zum Nachdenken anregt und mit einem Augenzwinkern jene Gesellschaft kritisiert, die für Nöte Dritter blind zu sein scheinen. Wieso soll man sich denn auch kümmern, wenn es doch andere gibt, die das machen? Aber gerade die können Aushilfskräfte immer gut gebrauchen.
(Einige kleine Schmankerln, auf die es sich zu achten lohnt: Blätter, die an Brotscheiben erinnern; eine Schnecke, die langsam den Baumstamm hinaufkriecht; der Auftritt des Bären; Hänsel und Gretel gespielt von Lena und Yorick Wolters)




