<b>Geschrieben von Katharina Mannel und Natalie Dayekh</b>
<b>Finde 100 Nadeln im Labyrinth – Die Länge von 100 Nadeln im Tanzhaus NRW</b>
Josef Nadj war zu Gast im Tanzhaus NRW und was als surrealistisch angekündigt war, wurde tatsächlich undurchschaubar. Wahrscheinlich hat Josef Nadjs Biografie nicht nur kleine Einflüsse auf sein Schaffen und Kreieren von kleinen Traumwelten, wobei wir hier nicht nur von schönen Träumen sprechen.
Josef Nadj hatte vor seiner Pariser Tanzausbildung Bildende Kunst in Budapest studiert. Nach Paris ist er eher wegen Marcel Marceau, bei dem er Pantomime lernte. Kampfsportarten und Contact Improvisation wurden ihm gleichermaßen vertraut. Wenn Josef Nadj den Tanz in ein Gesamtkunstwerk situiert, so hat dies wohl eher mit seiner Laufbahn zu tun als mit modischen Tendenzen. Mittlerweile geht er aber vermehrt reduktionistische Wege. Zurück zu den Ursprüngen. Zurück zu den Mythen, zurück zum rätselhaften Geheimnisvollen. In seiner Inszenierung „Die Länge von hundert Nadeln“ stand vor allem die ungarische Mythologie im Vordergrund und die Repräsentation der allgemeinen Volkstümlichkeit dieser Kultur.
Dies spiegelte sich in der dunklen und geradlinigen Kulisse wieder, dessen Elemente eher neutral, ja geradezu trivial erschienen. Nadja spezialisierte sich vor allem auf eine mythologische Saga, in welcher ein Junge sich zum Hirsch verwandelte und verwendete dieses Wesen als Leitfaden seiner Arbeit. Dieser Leitfaden kam als weiße Hirschzeichnung auf einer schwarzen Leinwand und einem Protagonisten mit selbiger Maske zum Ausdruck. „Wir alle leben das Leben der Türen, die dauernd auf und zu gehen.“ So oder zumindest so ähnlich lautete der einzige Satz der abstrakten Inszenierung des ungarischen Künstlers Josef Nadjs.
Ein kleines poetisches Labyrinth erwartete die Zuschauer am Freitagabend im tanzhaus. Die Bühne erst minimalistisch mit einem Klavier in der Mitte. Alles wird im Laufe des Abends noch auf der Bühne entstehen, gemalt, getanzt, gespielt und auch gespuckt. Wie in einem Labyrinth weiß man auch hier nicht genau, was an der nächsten Ecke kommt. Das Ensemble besteht aus 8 Tänzern und 8 Musikern. Oder auch 8 ausrastende Improvisatoren mit einer sehr guten Körperhaltung und 8 Jazz-Fanatikern, die ihre Instrumente quälen und sich die 12-Ton Musik zum Vorbild genommen haben.
Zusammenhanglos scheint auch die gesamte Aufführung zu sein. Die Zusammenführung von scheinbar besessenen Tänzern, deren Körper von anfangs statischen Bewegungen bis hin zur völliger Verausgabung wandelten und den Musikern mit ihren dissonanten volkstümlichen Folklore Liedern, schlug mit einer brutalen Wucht auf den Zuschauer ein.
<b>Piksten die Nadeln auch beim Publikum?</b>
Im Anschluss an die Aufführung begaben sich die Zuschauer zu einem Publikumsgespräch, in dem neben Josef Nadj auch weitere beteiligte Künstler, Rede und Antwort standen. Das Gespräch begann mit einer offenen Meinungsäußerung des Publikums und das Spektrum an Eindrucken hätte größer nicht sein können. So war ein Zuschauer stark berührt und gefesselt zugleich und dankte Nadj gleich mehrere Male für dieses Erlebnis. Andere erinnerte es an eine Art „Albtraum“, die der Künstler erschaffen hatte, wieder andere empfanden es als eindrucksvoll, welche Gebilde projiziert worden waren.
Unter den vielen Fragen bezüglich Intentionen, spezifischen Themen und der musikalischen Bedeutung, gab es so manche philosophisch angehauchte Antwort von Josef Nadj. So entstanden Antworten wie „Die Tänzer hören die Bewegungen, der Zuschauer sieht die Bewegungen. Es geht um musikalische Zustände“ oder „Die Sprache ist das Mysterium des Ursprungs“.
Den Erläuterungen konnte nicht immer gefolgt werden, doch dies scheint Josef Nadjs Art zu sein. Er selbst verkörpert seine Kunst, begibt sich in ihre Welt, die unnahbar zu sein scheint. Mit der „Länge von hundert Nadeln“ schuf er nichts neues, so sah man nicht zum ersten Mal, wie abstrakte Kunst auf einer Bühne entsteht, in dem man die Farbe spuckt, pustet oder einfach nur weiße Kleckse auf schwarze Leinwände tröpfeln lässt. Aber doch schaffte er es, uns zu ergreifen, auch wenn wir ihn nicht in diese surreale Welt folgen konnten. Mit seiner Inszenierung erschuf er eine Kosmographie des Absurden und weckt die innerlichen (Alb)-traumwelten unserer Gedanken.
Sicherlich sind seine Inszenierungen keine leichte Kost, jedoch hat er ein Gespür für das Mystische und Verborgene. „Die Länge von hundert Nadeln“ ist ein ungarisches Sprichwort und steht für nie endende oder vergebens getane Arbeit. Nadjs Arbeit war keinesfalls vergebens, aber vielleicht fanden wir nur nicht den Ausgang aus dem Labyrinth.




