Von Katharina Mannel
Um die Komplexität von Stephen Frears’ Kinowerk deutlich zu machen, muss man bis ins Jahr 1874 zurückgehen. In diesem Jahr veröffentlicht der britische Schriftsteller Thomas Hardy sein viertes Werk »Am grünen Rand der Welt«. In der Kulisse der halb realen, halb fiktionalen Ortschaften ersinnt Hardy seine Geschichten um Natur und Fortschritt, Sexualität, Freundschaft und natürlich Liebe mit all ihren Auswüchsen. Gute 130 Jahre später kreiert Posy Simmonds, basierend auf den Motiven von Hardys Vorlage, den Graphic Novel »Tamara Drewe«. Diesen Comic hat Stephen Frears nun für die Leinwand adaptiert. Unter dem Baldachin intermedialer Beziehungen tummeln sich Schriftsteller, die das Geschehen mit einer ordentlichen Portion Autoreflexivität unterfüttern.
Denn wer wollte nicht schon immer in die kleine bis große Welt eines Schriftstellers schauen und seinen inneren Monologen lauschen bevor sie zum geschriebenen Wort werden? Auch wenn wir auf den ersten Blick meinen könnten „Immer Drama um Tamara“ wäre ein süßer Teenie-Film über ein ehemals hässliches Entlein, entpuppt sich der Film überraschenderweise als ein Film über das Schreiben. Schauplatz ist ein Schriftsteller-Refugium auf einer englischen Farm. Der erfolgreiche Krimiautor Nicholas Hardiment (Roger Allam) und seine Frau Beth (Tamsing Greig) bieten den Dichtern und Denkern in ihrem Haus im Kaff Ewedown ein Arbeitsrefugium. Die eine will unbedingt mal etwas veröffentlichen, der andere hat schon veröffentlicht, ist aber erfolgslos geblieben und die dritte schreibt Lesben-Krimis. Aufgewühlt wird die poetische Idylle von der mittlerweile operierten und erfolgreichen Tamara Drewe (Gemma Arterton), die genau in diesem Örtchen geboren ist. Den meisten ist sie aber nur noch als leicht Verzweifelte mit einer Riesen-Nase in Erinnerung. Ihr Freund im Dorf servierte sie auch wegen ihrer Nase ab. Wer möchte schon eine Freundin namens „Nasen-Bär“? Aber dank Nasen-OP, einem neuen Job und Kleidungsstil gehört sie jetzt in die Kategorie „sexy Kolumnistin“ und lebt im hippen London. Sie verdreht den Männern regelrecht den Kopf. Darunter auch ihr Ex-Freund, der nun die große Nase im Gesicht sucht, um sich nicht selbst als Loser bezeichnen zu müssen. Mit dem Einbruch Tamaras geht ein bunter Beziehungsreigen los, ein Rockstar besucht sie im Dorf, verlässt sie aber wieder, weil Teenager von Tamaras Wohnung gefälschte Mails schreiben, sie sucht Trost beim erfolgreichen Autor Nicholas, dieser betrügt somit mal wieder seine Frau und der Ex-Freund schaut traurig zu. Als Zugabe gibt es dann noch jede Menge Kühe, Lügen und einen Todesfall.
Treffend führt Tamaras Schönheits-OP in die grundlegenden Themen des Films ein: begehren und betrügen, lieben und lügen. Oder noch konkreter: Die Kunst der Liebe als die Kunst der Lüge. Stephen Frears hat sichtlich Freude am Inszenieren des intellektuellen Überbaus, genüßlich streut er literarische Verweise, ständig wird geschrieben, gelesen, gelogen und geschönt.
Doch ist all die Intellektualität dem regen Beziehungskarussell letztlich untergeordnet. Denn auf der Leinwand sieht man etwas anderes: Wie eine operierte junge Frau in extrem kurzen Hosen über einen Zaun klettert, gemischt mit einer großen Portion englischem Humor.




