Eine ungewöhnliche Reise durch Flingern
Von Julia Brekl
Punkt fünf Uhr gehen die Türen des Installationsraumes des Flingern-Homebase-Projektes, das im Rahmen des Düsseldorfer Take-off Festivals im Tanzhaus stattfindet, auf. Gespannt strömen die Besucher in die dunklen Räumlichkeiten, aus denen bereits am Eingang elektronische und bassartige Klänge zu vernehmen sind. Drei Bildschirme und eine große Leinwand, auf denen Street Art, Tanz und Einwohner Flingerns zu bestaunen sind, bilden die einzige Lichtquelle in dieser Dunkelheit. Auch ich bahne mir meinen Weg durch die Dunkelheit und bleibe fasziniert vor der großen Leinwand stehen, die die Tanzbewegungen Jugendlicher zeigt. Dort treffe ich auf Martin, Praktikant bei einer Filmproduktion. „Hip-Hop-artig“ und „szenig“ ist sein Eindruck von Flingern, welches er als Nicht-Düsseldorfer so gut wie gar nicht kennt. Ein paar Schritte weiter kann man dem holprigen Deutsch eines Flingeraners lauschen, der über Politik und Lebenserfahrung spricht. „ Was würden sie jungen Menschen mit auf den Weg geben?“ „Sie sollen endlich wach werden!“.
Nach einer guten Viertelstunde stocken die Worte des Migranten und der Fokus liegt nun vorne auf einer spontan einsetzenden Choreografie. Geheimnisvoll und mit einem herausfordernden Blick in Richtung Publikum platziert sich ein junger Tänzer in den Mittelpunkt. Hipp und bunt gekleidete Teens kommen hinzu und beeindrucken nun den rappelvollen Raum mit Hip-Hop- und Breakdance-Einlagen. „Mein Flingern“ sagt ein jeder von ihnen. Die Verbundenheit und Assoziationen der Jugendlichen mit Flingern finden schnell Begeisterung, denn ein großes Publikum drängt sich inzwischen vor die jungen Tänzer. Irgendwann erlischt die Kraft des eindringlichen Basses und der fließenden Bewegungen. Großer Applaus und Begeisterung. Doch was ist Flingern denn nun, was macht es aus? Diese Frage schwirrt zu diesem Zeitpunkt wohl einigen noch im Kopf herum. Jedoch ist die Reise ins Flingeraner Reich noch nicht beendet. Ausgerüstet mit einem Audio-Player geht es nun hinaus in die bibbernde Kälte auf Exkursionsreise durch Flingern.
Vorbei am Worringer Platz, zahlreichen Dönerbuden und Lichtern folgen die Besucher den jungen Tänzern und Organisatoren, akustisch begleitet von Stimmen und musikalischen Klängen, die auf eine sinnliche Erlebnisreise durch Flingern mitnehmen. „Track 4 bitte drücken“. Nach ein paar Minuten erreichen wir Flingern Nord, der „schickere“ Teil Flingerns. Ein Ort, der in letzter Zeit auch immer mehr Oberkasseler anzieht, die nach Trends streben, wie eine Einwohnerin Flingerns auf dem Audio Player klagt. Altbauhäuser beherrschen nun das Straßenbild. Track 5 kündigt eine „leckere Stärkung“ auf der Ackerstraße an. Vor dem Café Hüftgold wird folglich Stopp gemacht und man wird herzlich mit Minztee und Brownies empfangen. „Jemand noch einen Brownie?“.
Nach der kulinarischen Überraschung geht es auf der Ackerstraße weiter geradeaus in Richtung eines Waschsalons. Track 7 und elektronische Klänge. Die Tänzer platzieren sich um Waschmaschinen und beginnen zu tanzen. „Tanz mit! Ja geht doch“. Aufgefordert durch die Stimme des Tracks 7, beginnen auch einige im Publikum schüchtern das Tanzbein zu schwingen. Die letzte Station der Exkursion endet bei Sankt Pauli Blond, einem erst kürzlich eröffneten Ladenlokal. „Nur wer tanzt, wird reingelassen“, sagt Mitorganisator Christian Dünow mit einem Grinsen vor der Türe. Im Souterrain des Ladenlokals findet die Finalchoreografie der jungen Tänzer statt. Das Spektakel endet mit einem gemeinsamen Tanzkreis, der den friedlichen Eindruck einer multikulturellen Gemeinschaft vermittelt. „Multikulturell“, das ist auch Bens Eindruck Flingerns, den ich vor dem Sankt Pauli Blond befrage. „Multikulturell, aber nicht asozial“. Multikulturell in verschiedenen Hinsichten, dies empfinden auch die Flingeraner selbst, wie der Kommentar eines Rentners bekräftigt. „Die Moslems, die da in ihren Nachthemden durch die Gegend laufen. Und wenn die dann Ramadan haben …“. Ein Schmunzeln bleibt bei diesen Worten nicht aus. Aber auch ihre kreativen Seiten schätzen die Flingeraner und die Möglichkeit diese an verschiedenen Orten ausleben zu können. Nicht die Ästhetik würde Flingern als originell charakterisieren, sondern die Menschen, die es bewohnen, selbst.
Foto: Künstlerarchiv




