Von Julie F
Nach einem riesigen Erfolg im JUTA, bei dem die Hamburger die Gemüter, sowohl schockten, als auch begeisterten, war das Kollektiv HGich.T, am vergangenen Freitag das zweite Mal in Düsseldorf. Freudenausbrüche für die einen, absolutes Grauen für die anderen. HGich.T kann man nur lieben oder hassen.
Festivalstimmung, Irrenanstalt und Madonna
Die Besucher versammeln sich im Vorraum des Theaters. Rechts vor der Bar ist eine Bühne aufgebaut. Alles sieht so aus, als würde hier gleich ein Konzert stattfinden. Ich stehe in der Menge und schaue mich um. Viele neugierige Gesichter, aber auch einige abgeklärte Blicke, die die Kenner erahnen lassen. Vor meinem Inneren Auge rufe ich mir die Vorstellung vom Januar ins Gedächtnis und muss laut lachen. Na, wenn das heute nur halb so unterhaltend wird, ist der Abend gerettet. Auf einmal sehe ich dunkel geschminkte Augen und ein großes Lächeln vor mir. Das Mädchen, mit den Zöpfen und dem braunen Kleid umarmt mich herzlich und fragt, wie es mir geht. Als sie weiter geht frage ich mich, woher wir uns bloß kennen könnten, aber die Begegnung war irgendwie zu skurril, als dass ich mich erinnern könnte. Plötzlich dämmert es bei mir.
„Du bist gerade mitten in der Performance. Es fängt an.“
Schon beim letzten Auftritt im Januar waren HGich.T besonders herzlich zu ihren Besuchern. Das fröhliche Mädchen mit den Wursthaaren und der bunten Kleidung machte sich damals die Mühe und ging durch jede Reihe, um die Besucher persönlich mit einer Umarmung zu begrüßen.
Neben mir an einem improvisierten Bierstand, an dem man Tip-Dosenbier für drei Euro kaufen kann (was tatsächlich auch Leute tun), spendiert gerade Jemand den Anwesenden einen Schluck Hochprozentigen. Kurz darauf läuft jemand mit einem Korb Brötchen durch die Zuschauermenge. Man merkt, hier wird für den Zuschauer gesorgt. Währenddessen auf der Bühne: eine blonde Schönheit mit 80er Jahre Locken, Jeansjacke und Minirock singt selbst geschriebene Lieder. Als Abschluss ihres Auftritts möchte sie uns noch gerne ein Lied von Madonna singen, “Like a Virgin” soll es sein.
Die Aktionen fangen an sich zu multiplizieren. Der Mann im Nonnenkostüm, der gerade an mir vorbei läuft, ist in der HGich.T-Szenen als Tutenchamun, oder auch Multimann bekannt. Das Kostüm rundet die bizarre Erscheinung ab. Mit irrem Blick bahnt er sich seinen Weg, vorbei an fragenden Blicken und begeistertem Gelächter. Er sieht aus, als wäre er gerade aus einer Anstalt für psychisch Auffällige ausgebrochen. Einen großen Teil seines Auftrittes verbringt er schließlich damit, oberkörperfrei auf der Bühne zu stehen. Währenddessen tanzen die Besucher zu Hits wie Hauptschule, Goa Goa MPU, Harz For.
Konzert? Theater? In dem ganzen Gewirr aus schreienden Groupies, Dosen stechen, einem Sänger der sich unter die Menge mischt, dem Mädchen mit den Zöpfen, das immer wieder Leute anspricht, einem total aufgebrachten Goagirl, das bei dem Anblick ihrer weißen Buffaloschuhe anfängt, vor Begeisterung zu schreien und einem mit seinen Muskeln protzendem Kerl, der ihr genussvoll die Schuhe anzieht, fragt sich der ein oder andere sicher, was das ganze soll?
Klar, wer heute Abend hier ist, weiß (wenn er oder sie nicht gerade von gemeinen Freunden zu einem vermeintlich nettem Theaterabend eingeladen wurden), was ihn hier erwartet. Und ich glaube gerade hier wird es spannend. Denn einerseits war doch eine anscheinend nicht zu verachtende Zahl an Zuschauern da, die tatsächlich nur wegen der Musik gekommen ist – wahrscheinlich waren das auch die, die sich am Ende des Konzertes die Vinylplatte gekauft haben.
Wie auf einem Konzert, gab es den tanzenden Mopp und die, die sich alles vom Rand aus angeschaut haben. Es gab die, die mit den Künstlern interagiert haben und die, die zwar unmittelbar beteiligt waren, aber lieber nur Beobachter bleiben wollten. HGich.T überlässt es uns, sie einzuordnen oder auch nicht. Sie selber sagen über sich: „Wir bieten keine Standards, sind nicht zu verorten, haben keine Normen und nutzen den Schock nicht, um Böses zu bewirken, sondern Positives zu manifestieren und somit echte Veränderungen und platzende Blasen im Hirn derer zu kreieren, die es wagen: auch mal später zu verstehen.“
Besonders interessant finde ich, wie das Kollektiv den Besucher mitreißen kann und in eine Handlung mit einbindet. Man ist auf einmal selber Teil des Ganzen und macht vielleicht Dinge, die man nicht erwartet hätte. Vielleicht fühlt sich der ein oder andere ja doch ein bisschen ausgenutzt, wenn er mit der Vinylplatte für 10 Euro unter dem einen und ersteigerten Bild unter dem anderen Arm nach Hause läuft. Die Vermarktung und das Versteigern von selbst gemalten Bildern am Ende der Vorstellung nimmt der ganzen Aktion etwas. Es ist fast so, als ob alles vorher gegangene nur zu diesem Zweck gemacht wurde.
Ich drehe mich um, und steige die Stufen zum Ausgang empor. Andererseits, denke ich mir, haben HGich.T erreicht was sie wollten; Positives zu manifestieren. Sie bleiben bis zum Ende konsequent in ihrer Rolle. Ihr Auftritt funktioniert durch Überraschungsmomente und Absurditäten. Ob es nun mehr Theater oder Konzert ist, bleibt offen. Ich denke, HGich.T als reine Band zu bezeichnen, würde ihrem Auftritt einiges an Bedeutung nehmen. Reines Theater ist auch nicht, dafür benutzen die Hamburger zu viele Elemente aus dem Musikgeschäft (es gibt etwa Musikvideos auf youtube).
Letztendlich sind HGich.T vor allem bunt, durchgeknallt und hemmungslos. Wer auf Goa und Performancekunst steht, wird hier dran gefallen finden.




