Rezensionen

Good morning, Boys and Girls

Von Hanna Lessmann

Eine trauernde Mutter fragt nach dem „Warum“. Ein Vater bezeichnet seinen Sohn als „Monster“. Eine Lehrerin betont die Intelligenz ihres Schülers. Medien berichten von einem „Kriegsschauplatz“. Ein Mädchen lernt ihn kennen. Einen Jungen, der in einer „scheiß Karaokewelt“ lebt. Plakate datieren die letzten Amokläufe.

Statussymbole wie Geld, Style und Arbeit rufen bei den Jugendlichen eine Dauerpanik hervor. Arbeit, die es sowieso nicht mehr gibt. Auch die erste Freundin ist nur ein Statussymbol und die Liebe bloß ein Zertifikat. Sie lernen nicht den Krieg kennen, dafür den sozialen Tod.

Juli Zeh stellt in ihrem Stück „Good Morning, Boys and Girls“ den Amoklauf nicht als einen individuellen Akt dar, sondern versucht Erklärungen in einem gesellschaftlichen Kontext zu finden.

Jens bezeichnet die Welt als „Karaokewelt“ – das Leben ist für ihn reine Wiedergabe; Neues könne es nicht mehr geben. „Wenn alles schon da gewesen ist, muss man eben krasser sein. Viel krasser.“ Ein Modell seiner Schule hat er gebaut, eine Waffe hat er sich auch besorgt. Rachephantasien in seinem Kopf. „Das gehört mir, das ist meins.“ Von der Tat verspricht er sich endlich Aufmerksamkeit.

Den Blick auf die Gesellschaft gerichtet, regt Juli Zeh den Zuschauer zum Nachdenken an. „Woher kommt so viel Gewalt?“ Ist sie Folge von Computerspielen oder schwierigen Familienverhältnissen? Vom zunehmenden Leistungsdenken? Juli Zeh zeigt die Tat aus verschiedenen Perspektiven, die Frage nach der Schuld und dem „Warum“ bleibt dabei immer präsent.

Tiefgreifende Dialoge, überzeugende Schauspieler, Bühnenbild und unerwartetes Ende machen die Qualität des Stücks aus.