Von Miriam Bittner
„Gespenster! Gespenster der Vergangenheit! Sie sind überall!“
Wer ist ihnen nicht irgendwann, irgendwo schon einmal begegnet: „Seinen“ Gespenster? Das schlechte Gewissen, das einen noch nach Jahren quält; Menschen, die man betrogen, die man hintergangen hat, begegnen einem auf der Straße, nicht persönlich, aber als Erinnerung, als Stich ins Herz. Man bekommt sie nur schwer los, diese Gespenster. Sie kleben an einem wie die Kletten. Und von Zeit zu Zeit treiben sie dich in den Wahnsinn!
Helene Alving hat schon immer mit ihren Gespenstern zu kämpfen, denn ihr ganzes Leben ist eine einzige Lüge: vom Mann betrogen und belogen, versucht sie alles, um das Bild einer heilen Familie aufrecht zu erhalten. Zwar mit Erfolg, doch der Preis ist hoch: den Sohn gibt sie ins Internat, sieht ihn erst zum fünften Todestag ihres Mannes wieder, zur Einweihung des neuen Kinderheims. Osvald ist „Künstler“, erfolglos, krank. Ihm haftet die Schuld seines Vaters an, die auch die Mutter nicht wegwaschen kann. Die Gespenster der Vergangenheit sind überall! Auch in Form von Regine, der Haushälterin. Zunächst weiß niemand, dass Regine das uneheliche Kind des alten Alving ist, aber keiner kann die Wahrheit auf ewig verbergen. Die Lügen gehen in Flammen auf, genauso wie das Kinderheim und alles, was sich Helene aufgebaut hat. Am Ende haben die Gespenster sie zerstört und mit ihr Regine und Osvald.
Allein bei meiner kurzen Zusammenfassung merkt man: Handlung, Handlung, Handlung! Zu viel Handlung gequetscht in anderthalb Stunden Inszenierung. Zu viele Personen und Nebenpersonen, die auf die eine und die andere Weise miteinander verbunden sind. Ein ehrenwerter Pastor, der sich seinen weltlichen Bedürfnissen hingibt, ein geistesgestörter Sohn, der sich umbringen will, eine raffgierige Tochter, die sich jedem an den Hals wirft, eine verhärmte Alte, die im Grunde mit ihren Lügen niemanden einen Gefallen tut, außer dem Verursacher dieses ganzen Unglücks, dem verstorbenen Alving. Ach ja und da wäre noch ein Typ, der im Grunde gar nichts zu sagen hat (heiratete damals gegen Bezahlung Regines Mutter, die Affäre des Alvings), sich allerdings ganz gewaltig aufspielt.
Schade! Zwischen all den Irrungen und Verwirrungen geht das eigentliche Thema etwas unter: Die Wahrheit findet ihren Weg ans Licht, mit aller Härte, wenn es sein muss. Einige Punkte, die ich dem Abend allerdings zu Gute halten muss: kleine Raffinessen und humorvolle Augenblicke hatte das Schauspiel. Zum Beispiel das wunderschöne Bühnenbild, ein wolkenbedeckter Sonnenuntergangshimmel; dann die Milchflasche, die Osvald Alving anstelle der Bierflasche immer bei sich trug und die Aktentasche, die schön passend zufällig in einem stillen Augenblick umkippte.
Dass die Geschichte schwer zu durchblicken ist, wurde mir auch beim Beobachten des Publikums nur allzu deutlich: eine ältere Dame in der Reihe vor mir fragte ihren Sitznachbarn zur Hälfte des Stücks: „Wer ist jetzt nochmal Regines Vater?“ Na, konntet ihr folgen?




