Rezensionen

Gegen die Wand // RLT Neuss // 28.03.11

Von Miriam Bittner

Mit voller Wucht krachte Cahit gegen die Metallwand, es krachte laut und man sah förmlich, wie sich die Motorhaube des Autos zerknautscht haben musste. Dann blieb er liegen, reglos.

In der Theaterinszenierung „Gegen die Wand“ von Esther Hattenbach, nach dem gleichnamigen Film von 2004, geht es um zwei Menschen, die eigentlich genug vom Leben haben: Cahit, den tagtäglich seine Vergangenheit zu quälen scheint und der versucht, diese in Alkohol zu betäuben; und Sibel, eine junge Türkin, die dem traditionellen Elternhaus entkommen und einfach nur leben will. Und was machen zwei Verzweifelte, die nicht mehr weiter wissen? Sie schließen sich zusammen und profitieren voneinander. Eine Scheinehe soll Sibel Freiheit und Cahit eine saubere Wohnung bescheren. Zunächst läuft alles wie geplant, doch irgendwann gerät die Situation aus dem Ruder, denn eines haben die zwei nicht eingeplant: die Liebe! Cahit verliebt sich, während Sibel eine Affäre nach der anderen hat und erst dann bemerkt, wie ihre wahren Gefühle sind, als Cahit in seiner Eifersucht einen ihrer Liebhaber erschlägt.

Aus zwei Seelen wird eine … und dann wieder zwei, denn während Cahit in Deutschland im Gefängnis sitzt, beginnt Sibel in Istanbul ein neues Leben.

Es ist laut, es ist schnell, es ist hart. Eine Liebesgeschichte zwar, aber ohne Happy End, Realität eben. Musik, Tanz, Exzess und einsame Menschen, die auf der Suche nach Liebe sind, sie letztendlich aber aufgeben müssen. Ein kalter, metallener Raum, ein Gefängnis; harte Wände, die die Suchenden in die Knie zwingen. Man spürt die Hoffnungslosigkeit, vor allem bei Michael Putschli, den die Rolle des Cahit auf den Leib geschneidert zu worden scheint. Man spürt den Wunsch nach Freiheit, vor allem bei Emilia Haag, die in ihrer Rolle als Sibel lebt und tanzt und scheitern muss, sich am Ende doch ihrer Familie, ihrer Kultur, ihrem Schicksal ergeben muss.

Auch wenn man den Film von Fatih Akin nicht kennt, die türkische Kultur nicht kennt, so ist diese Inszenierung beinah wie ein Zusammenschnitt von Filmsequenzen, in Zeitraffer irgendwie.

Istanbul, türkische Tanzmusik. Szenenwechsel. Hamburg, Rihanna, S&M. Szenenwechsel. Istanbul, Life’s what you make it.

Ein Hochzeitskleid mit Jeans darunter und eine junge Frau zwischen den Fronten von Gestern und Morgen.

Veranstaltung: Gegen die Wand