Rezensionen

Frontline // NRW-Forum // 04.11.11

Von Dinya Berwari

Wenn ich in dieser Ausstellung chronologisch vorgehe, befinde ich mich zuerst im linken Flügel des NRW-Forums, denn hier hängen Fotos des Zweiten Weltkrieges und Spanischen Bürgerkrieges. Mir kommt ein großes, schwarz-weißes Plakat entgegen, auf dem ein Soldat abgebildet ist, der die Arme seitlich ausgestreckt, das Gesicht mit den geschlossenen Augen leicht nach hinten geworfen hat und so aussieht, als würde er jeden Moment nach hinten fallen. Kurz nachdem das Foto geschossen wurde, fiel er tatsächlich um. Das Foto trägt den Titel „loyalistischer Soldat im Moment des Todes“, Robert Capa schoss es 1936 in Córdoba.

Es gibt noch weitere Fotografien von Capa in der Ausstellung, aber auch von anderen Kriegsfotografen, wie zum Beispiel George Rodger und David Seymour. Die Motive der Bilder sind ähnlich: Schauplätze des Spanischen Bürgerkriegs, die Ankunft der Alliierten in der Normandie oder verzweifelte, hilflose Familien; Mütter, Kinder. Es geht um die Macht der Bilder. Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Macht der Bilder spüre.

Die Fotos sind nicht beschönigt oder ästhetisiert. Im Gegenteil, die blutenden Soldaten oder die Massengräber der jüdischen KZ-Häftlinge sind auf eine bittere, negative Art beeindruckend. Und trotzdem erreichen sie mich nicht ganz. Vielleicht liegt es an meiner Abgestumpftheit, weil ich die Schwarzweißbilder schon sehr oft gesehen habe. Abgesehen davon, dass ich in meinem Alltag oft genug mit Gewalt und Blut durch die Medien konfrontiert werde. Diese Abgestumpftheit wird mir noch deutlicher, als ich in den rechten Flügel des Forums gelange und von aktuellen Bildern des arabischen Frühlings umgeben bin. Hier sind viele junge Fotografen vertreten, beispielsweise Peter van Agtmael, Thomas Dworzak oder Alex Majoli.

Ihre Fotos haben ein weites Spektrum, sie sind ganz weit weg vom Geschehen – in der Wüste, während irgendwo in der Ferne der Rauch einer Bombe hochsteigt – oder ganz nah am Geschehen dran – buchstäblich mitten in einer Masse von Protestierenden in Libyen oder Ägypten. Einige der Fotos sind so nah, dass ich glaube, sie sind gestellt; aber sie sind es nicht, und das macht sie noch außergewöhnlicher. Dennoch: Es zeugt doch wieder von meiner Abgestumpftheit, wenn ich die Fotos zunächst mit Filmszenen vergleiche.

Alle Fotos zu diesem Teil der Ausstellung sind dynamisch und haben eine Vielfalt von skurrilen oder erstaunlichen Details. Ich spüre ihre Macht, weil ich noch viele andere, ähnliche Bilder aus dem Fernsehen und Internet im Hinterkopf habe. Insgesamt regen mich alle Fotos zum Nachdenken an, auch wenn ich im schlechtesten Fall nur darüber nachdenke, warum sie mich nicht ganz erreichen.

Wegen des aktuellen Bezugs und der allgemeinen Frage nach der Wirkung von Kriegsfotografie in der heutigen Zeit ist diese Ausstellung dennoch sehr empfehlenswert.

Veranstaltung: Frontline