Von Clara Wrede
Obdachlose. Menschen ohne festen Wohnsitz. Menschen ohne Beruf. Menschen außerhalb aller sozialen Gruppen. Sie sind allein und werden ständig mit dem bürgerlichen Vorurteil konfrontiert. So wie Jango. Er ist obdachlos. Er ist krank, ein Alkoholsüchtiger. Was erwarten wir von Jango? Sicher nicht, dass Jango ein kreatives Konzept entwickeln kann, welches er mit dem suchenden Auge eines Künstlers verfolgt.
Aber zuerst zu den Anfängen: 1995 wurde die fiftyfifty-Galerie als Versandshop kurz nach der Gründung des fiftyfifty-Magazins ins Leben gerufen. fiftyfifty hatte es sich zum Ziel gesetzt, Obdachlosen zu helfen ohne sie zu entwürdigen. Seit 2001 existieren die Galerieräume auf der Jägerstraße 15 in Düsseldorf. Hubert Ostendorf ist neben Franziskaner-Pater Matthäus Werner Initiator von fiftyfifty und leitet heute die Galerie. Als Geschäftsführer hält er den Kontakt mit Künstlern, Spendern und Käufern.
Die Galerie ist ein offener, lichtdurchfluteter Raum, welcher durch die Schlichtheit der weißen Wände und den grauen, glatten Asphaltboden die Aufmerksamkeit auf die ausgestellte Kunst lenkt. Das Ambiente ist unprätentiös und die ausgestellten Kunstwerke wirken in diesem Rahmen so selbstverständlich, dass der Besucher mit Überraschung feststellt, wie nah er hier den Werken einiger der bekanntesten deutschen Künstler ist. Genau diese Selbstverständlichkeit macht die Galerie aus: so lehnt zum Beispiel ein großer Digitalprint von Katharina Mayer (*1958) wie abgestellt in einem der Schaufenster zur Straße.
Zusammen mit dem virtuellen Versandshop ist der Galerie etwas gelungen, was nur wenigen lokalen Hilfsorganisationen gelingt: Internationalität. Durch den Verkauf und die Versteigerungen online ist es gelungen, Käufer aus New York, Paris und anderen internationalen Städten zu finden, die hier Kunst kaufen und damit deutsche Obdachlose zu unterstützen. In der Online Galerie werden dazu auch noch Kunstwerke von Künstlern, welche nicht in den Räumlichkeiten ausgestellt werden, angeboten, wie zum Beispiel Nam June Paik (*1932 -†2006).
Die Galerie wird von vielen namhaften Künstlern mit gespendeten Kunstwerken unterstützt, einige haben sogar speziell zum Thema der Obdachlosigkeit Werke geschaffen. Durch bekannte Namen wird die Galerie nicht nur finanziell sondern auch öffentlichkeitswirksam unterstützt, denn das Thema der Obdachlosigkeit wird auch heute noch in Deutschland kontrovers diskutiert. Ein Künstler, der sich maßgeblich und als einer der ersten für fiftyfifty eingesetzt hat, war Jörg Immendorff (*1945 -†2007). Häufig taucht Immendorffs „alter Ego“, der Affe, auf. 2005, im Jahr des zehnjährigen Jubiläums von fiftyfifty, krönte Immendorf sein Engagement, indem er für fiftyfifty die Skulptur „Oskar für Obdachlose“ schuf. Immendorff symbolisierte die Obdachlosigkeit, indem er den Affen mit einem Ziegelstein und einem Spachtel darstellte. Die Skulptur ist sowohl eine Auszeichnung, als auch ein Statement zur Obdachlosigkeit. 29 der 30 Skulpturen sind verkauft, eine ist noch im Besitz von fiftyfifty und wird häufig an Museen verliehen. Während Immendorff symbolisch arbeitete, nahm sich eine andere Künstlerin, Claudia Rogge (*1965), die Obdachlosen selbst als Personen und integrierte sie in ihr Werk. 2011 schuf Rogge ihr „Himmel, Hölle, Fegefeuer“ für die Galerie. Sie bewegte 30 Obdachlose dazu, Teil ihres sozialkritischen Werkes zu werden. Von allen Teilnehmenden wurden Aktportraits angefertigt in verschiedenen vorgegebenen Posen und diese wurden zu drei großen Fotomontagen zusammengefügt unter den Aspekten: Himmel, Hölle, Fegefeuer. Hubert Ostendorf erläutert, dass diese Aktfotographien, die oft die versteckten und ausgezehrten Körper der Obdachlosen zeigen, nicht die Würde der Menschen verletzt. Sie selbst äußerten sich positiv und offen vor der Presse zu den Fotografien, obwohl viele von ihnen mit Suchtkrankheiten oder anderen Schicksalsschlägen gezeichnet sind. Rogge rüttelt dadurch die Gesellschaft wach, um sehen zu können, dass es Menschen gibt, die die Hölle auf Erden erleben. Dieses Projekt erregte eine Menge Aufmerksamkeit und der gesamte Erlös ging an fiftyfifty.
Auch der Düsseldorfer Künstler Thomas Struth (*1954), der ein weltweites Renommee besitzt, setzt sich seit 1995 für fiftyfifty ein. Besonders bekannt wurde sein Projekt „Obdachlose fotografieren Passanten“ im Jahr 2004. Struth fungierte als künstlerischer Leiter für 12 fiftyfifty-Verkäufer/innen und stellte ihnen Kameras zur Verfügung. Das Resultat waren 78 Fotos, die in der Galerie ausgestellt und verkauft wurden. Während des Schaffensprozesses begleitete auch Hubert Ostendorf die Gruppe, er schildert besonders positiv, dass bei diesem Projekt die Obdachlosen selbst etwas gestalten konnten. Dies zeigte sowohl der Gesellschaft als auch den Obdachlosen selbst, welches kreative Potential in ihnen steckt.
Hubert Ostendorf sagt, dass er weiterhin darum bemüht ist, bekannte Künstler zu animieren sich für die Galerie einzusetzen, denn nicht nur der Erlös hilft den Obdachlosen, sondern auch der Versuch mit Hilfe von Kunst und bekannten Persönlichkeiten das oft festzementierte Urteil unserer Gesellschaft zur Obdachlosigkeit aufzulockern. Dies ist sogar der eigentliche Zweck der Galerie, denn obwohl hochkarätige Kunst verkauft wird, reicht das nicht aus, um fiftyfifty und dessen Ziele zu tragen.
Derzeit läuft in der Galerie die Ausstellung „Underdog“. Dabei haben Künstler Werke speziell zum Thema ‚Hund’ angefertigt. Der Erlös unterstützt ein innovatives Projekt, welches darauf basiert, Obdachlose über ihre Hunde zu erreichen. Ostendorf sagt, dass es oft schwer ist Obdachlosen zu helfen, sie überhaupt zu erreichen, denn deren Einsamkeit und Abgeschiedenheit ist zum Teil bewusst gewählt. Diese Menschen haben dann nicht selten als einzige Bezugsperson (wenn man das so sagen kann) ihren Hund.
Bei all dem hier geschilderten Nutzen, den Künstler und ihre Kunst den Obdachlosen bringen, bleibt aber immer noch eine interessante Frage: Hat Kunst eine persönliche Bedeutung für Obdachlose? Ist es überhaupt möglich, unter diesen Strapazen einer Existenz am Minimum ein Interesse für Kunst zu entwickeln oder gar selbst kreativ zu sein? Oder ist Kunst doch ein Produkt des Wohlstands einer Gesellschaft?
Hubert Ostendorf verdrehte beinahe die Augen, als ich anfing diese Frage zu stellen, denn schon viel zu oft hat er die typische Meinung „Obdachlose können Kunst doch gar nicht verstehen“ gehört. Tatsache ist doch, so antwortete er dann, dass zu aller erst einmal kein Mensch obdachlos geboren wird. Obdachlose kommen aus allen sozialen Schichten. Daher ist auch der Erziehungsbackground verschieden und somit auch das Interesse an Kunst.
Doch zurück zu Jango. Wir wissen nicht, in welcher Welt er gelebt hat, bevor er obdachlos wurde. Aber es gibt Jango und er hat ein künstlerisches Konzept. Sein Projekt ist ein weißer Plastikstuhl, der an verschiedenen Orten fotografiert wurde. Warum macht er das? Warum verfolgt er das so konsequent? Eigentlich ist sein Konzept vergleichbar mit dem von Tracey Emin (*1963), die auch mit einem Stuhl reiste und ihn vor verschiedenen Landschaften fotografierte. Nur: sie wird ausgestellt, ihre Werke werden interpretiert und sind Gegenstand der Kunstgeschichte. Über Jango dagegen ist nichts bekannt, außer dass er mit einem weißen Plastikstuhl rumzieht. Ist es vielleicht doch so, dass das menschliche Bestreben nach Schönheit, ja nach Kunst, ein Bedürfnis ist, welches nicht abhängig von wirtschaftlichen Standards ist, sondern viel tiefer reicht?
Unter den Obdachlosen gibt es viele Kreative, manche stellen Schmuck her, andere machen Musik. Im Gespräch äußert Hubert Ostendorf, dass er sich wünscht, dass diese Menschen mehr unterstützt werden. In England werden Straßenkünstler subventioniert, in Deutschland dagegen muss ein Straßenkünstler Geld für seinen Standplatz bezahlen.
Ostendorf wünscht sich für die fiftyfifty-Galerie, dass sie mit ihrer Kunst und ihren Künstlern weiter dazu beiträgt, die Einstellung der Düsseldorfer gegenüber den Obdachlosen zu ändern. Denn wer, von großen Namen gelockt, in die Galerie kommt und sich für die Kunst interessiert, der entdeckt vielleicht auch Menschen, die er sonst eher ignorieren würde.




