Rezensionen

Enter The Void

Von Susi-Lili Duchow

Gaspar Noés aktueller Film „Enter the void“ stellt sich als verstörender, jedoch visuell faszinierender Psychotrip im Neonlicht der Kulisse Tokios heraus, der zwischen Sex- und Drogenerfahrungen die Geschichte einer tragischen Geschwisterbeziehung erzählt.

Geschildert wird das Schicksal des Drogendealers Oscar (Nathaniel Brown), der seine jüngere Schwester Linda (Paz de la Huerta) nach Tokio holt, um mit ihr zusammenzuleben, nachdem die beiden stark verbundenen Geschwister nach dem Unfalltod ihrer Eltern, den beide nie verkraftet haben, voneinander getrennt aufwuchsen. Während Linda Bestätigung als Stripperin sucht, flüchtet sich Oscar in den Konsum halluzinogener Drogen. So wird der Zuschauer Zeuge eines als Nahtoderfahrung beschriebenen DMT-Trips, der in psychedelischen Farben und organischen Formen dargestellt wird.

Seinen Wendepunkt erreicht der Film, als Oscar – in einen Hinterhalt gelockt – auf der Toilette der Diskothek „The Void“ von der Polizei erschossen wird. Bis zu diesem Zeitpunkt hat der Zuschauer die Innensicht des menschlichen Protagonisten Oscar und erhält somit einen sehr beschränkten subjektiven Eindruck auf das Handlungsgeschehen, der an die literarische Perspektive des Ich-Erzählers erinnert. Während die Seele Oscars Körper verlässt, nimmt der Zuschauer eine außenstehende Betrachterposition ein, die sich kurz darauf als auktoriale Sichtweise Oscars Seele herausstellt. So begibt sich der Zuschauer auf eine Reise über die Dächer Tokios, um die Lebensprozesse von Oscars Hinterbliebenen auf der Erde zu betrachten, die durch faszinierende und zugleich verstörend ungewöhnliche Kamerafahrten und Perspektiven auf den Zuschauer bedrückend wirkt.

Dieser Blick auf die gegenwärtige Situation in der pulsierenden Metropole Tokio wechselt sich ab mit immer wiederkehrenden verzerrten Visionen von Vergangenheit und Zukunft, die sich zunehmend zu einer Reflektion über Leid, Einsamkeit und Begehren manifestieren. Abschließend nähert sich „Enter the Void“ dem Thema Transzendenz in Form eines Kreislaufs, endend mit der Wiedergeburt Oscars als Kind seiner Schwester. Dabei wirkt der Film zum einen durch seine Bildästhetik – der man eine konstruierte Künstlichkeit wohl nicht absprechen kann – faszinierend, zum anderen jedoch zugleich verstörend und erschöpfend, da die grellen Farben und die für das menschliche Empfinden schwer einzuordnenden Kameraeinstellungen bei einer Länge von über zweieinhalb Stunden „Entert he Void“ zu einer körperlichen und geistigen Grenzerfahrung werden lassen.

Veranstaltung: Enter The Void