Rezensionen

Emerging Merce // Take-off-Festival // 28.01.12

Der Zufall als fester Bestandteil einer Choreographie

Von Kathrin Serong

Kann man den Zufall in eine Tanzperformance integrieren? Ja, es funktioniert. Gudrun Lange zeigt uns dies in „Emerging Merce“, einer Tanzchoreografie, die im Rahmen des Take-off-Festivals vom 28.01. bis 31.01.2012 an drei Abenden im FFT: Juta aufgeführt wurde.

Die Tanzperformance ruft die Ideen des 2009 verstorbenen Choreografen Merce Cunningham wieder hervor, an dem sich Gudrun Lange in ihrer Arbeit orientiert. Cunningham gründete eine Kompanie in New York City und entwickelte Mitte des 20. Jahrhunderts eine eigene Technik, den Zufall in Choreografien einzuarbeiten.

In „Emerging Merce“ performen vier junge Darstellerinnen im Lara-Croft-Outfit auf der Bühne. Zu Beginn drehen sie an Schaltknöpfen von Radios und der Zufall entscheidet, zu welchem Lied und in welchem Rhythmus sie sich bewegen. Das Radio dient somit als ein Zufallsgenerator. Im weiteren Verlauf der Tanzperformance kommt das künstlerische Team, bestehend aus Gudrun Lange, Verena Billinger, Judit Abegg und Oliver Bedorf, auf die Bühne. An einem Synthesizer werden von einem Teammitglied Töne erzeugt, während sich die anderen dazu bewegen müssen. Hier bestimmen also auch wieder der Zufall und der Wille des Einzelnen die Bewegungen der anderen Tänzer.

Außerdem werden sogenannte „Schattenszenen“ in die Tanzperformance integriert. Diese „Schattenszenen“ werden von den Zuschauern bestimmt. Vor der Aufführung geht Gudrun Lange mit einem Eimer umher und lässt vier der Zuschauer einen Zettel aus dem Eimer ziehen. Auf den Zetteln befinden sich die Minuten, in denen die „Schattenszenen“ in die Performance eingeschoben werden. Der Zuschauer trägt also maßgeblich zur Gestaltung des Tanzstückes bei, indem er bloß zufällig irgendeinen Zettel aus dem Eimer zieht.

Auf diese Weise schafft es „Emerging Merce“, sich komplett von der „Schönheit“ einer Performance zu lösen und den Zufall in eine Tanzaufführung einzubauen. So fragen sich nicht nur die Zuschauer, was als nächstes in der Choreografie passiert, sondern auch die Darsteller selbst agieren „zufällig“ und „aus der Situation heraus“. Dies macht „Emerging Merce“ zu einer außergewöhnlichen und sehenswerten Tanzperformance und zeigt den Zuschauern zugleich, wie der Zufall das Leben bereichern oder aber auch erschweren kann. Der Zufall hat in jedem Fall eine interessante Auswirkung auf das Leben, welche Formen auch immer diese Auswirkung annehmen mag.

Foto: Verena Billinger

Veranstaltung: Emerging Merce