Von Miriam B.
Kaum ist das Licht gedimmt, erschallt auch schon imposant und mit viel, viel Landesliebe die britische Nationalhymne. Augenblicklich verlässt der Zuschauer das beschauliche Neuss der Gegenwart und taucht ein in die Londoner High Society des 19. Jahrhunderts mit Abendrobe und Champagner.
Das Bühnenstück „Ein idealer Gatte“ von Oscar Wilde ist in erster Linie eine: Show!
Eine Show ist die Unzahl an Heiratsanträgen vom Vicomte an seine Angebetete Miss Chiltern, die ihm stets einen Korb gibt.
Eine Show ist das Auftreten von Mrs Cheveley, die glaubt, jeden mit ihrem Charme um den Finger wickeln und manipulieren zu können.
Eine Show ist die Langweile aller Charity Parties unter Lady Chiltern.
Eine Show ist die die künstliche Humanität des hohen Standes.
Und eine Show ist das ganze Leben des erfolgreichen Politikers Sir Robert Chiltern, der als Ideal moralischen Handelns auf einen wackeligen Thron gesetzt wird.
Es geht um Lügen und Hinterhalte:
Robert Chiltern hintergeht nicht nur seine Frau, da er ihr niemals von den krummen Geschäften mit vertraulichen Informationen erzählt, durch die er an seinen Reichtum und seine Macht gekommen ist, sondern auch die ganze Londoner Gesellschaft, die so hohe Stücke auf den „Edelmann“ hält.
Mrs Cheveley hintergeht jeden, wenn es nur nutzen für sie hat und nimmt dabei auch in Kauf, das Leben und die Karriere des Robert Chiltern zu zerstören.
Lady Chiltern belügt ihren Mann, Lord Caversham seinen Freund und alles in allem jeder sich selbst. Im Grunde geht es in dem Stück um eines: nämlich um die Erkenntnis, dass niemand perfekt ist, niemand das Ideal erfüllen kann, weil jeder bloß Mensch ist. Zu hohe Erwartungen können das Leben zerstören, sowohl sein eigenes, als auch das der anderen.
Auch wenn es wie eine andere Welt erscheint, eine Welt in Reichtum und Adel und Politik, so kann man dem Stück doch Einiges an Wahrheiten abgewinnen und findet sich vielleicht (oder ganz bestimmt) in dem einen oder anderen Charakter wieder. Denn gerade in einer Zeit, in der Perfektion das höchste Ziel vieler ist, sollte man sich klar machen, dass jeder einen Fleck auf seiner weißen Weste hat – und jeder ist mit Sicherheit alles, nur nicht eins: „EIN IDEALER GATTE!“




