Rezensionen

Die menschliche Stimme // TAS // 17.05.11

Von Antonia Beeskow

Eine junge Frau sitzt allein in ihrem Zimmer. Ihr einziger Kontakt zur Außenwelt ist ihr Schnur-Telefon, das sie mit ihrem Geliebten verbindet. Aber der schöne Schein ist nur von kurzer Dauer: er heiratet eine andere Frau und das letzte Telefonat entpuppt sich für die Frau als Seilakt zwischen der geliebten „menschlichen Stimme“ und Halluzinationen hervorrufendem Wahnsinn. Immer tiefer steigert sich die Frau in die Erinnerung, Verzweiflung und Hoffnung hinein, „dass wie durch einen Zufall oder mit ein bisschen Mühe alles doch noch anders ausgeht, als man es vorhergesehen hat“; die Zeit spielt keine Rolle, nur die Verbindung, die sie quält und warten lässt. Die Unterbrechungen der Telefonverbindungen durch das „Fräulein“ lassen sie immer weiter in ihre eigene Welt verpuppen – die Isolation und das ewige Warten auf die Stimme ihres vermeidlichen Geliebten werden zum einzigen Existenzgrund.

Fünfundsiebzig Minuten wartet die Schauspielerin Franka von Werden auf die Stimme und langweilt dabei keine einzige Minute, reißt mit und lässt den Zuschauer mitleiden. Ihre verzweifelten Blicke und das Aufatmen durch das Schellen des Telefons wirkt: man fühlt mit und hofft ebenso wie sie auf diesen Zufall, „dass etwas Unvorhersehbares passiert“. Die Zeitebenen verschwimmen – ist es ein Telefonat, sind es zwei, drei, mehrere Tage? Es sind nur wenige Stunden, die ewig lang quälend sind. Sie ist die menschliche Stimme, die das einseitige Telefonat zum Leben erweckt, die fühlt und bangt, die erkennt, dass alles doch weitergeht. Aber ist es erträglich? Lohnt es sich überhaupt?

In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts fasste Jean Cocteau das Leiden einer liebenden Frau in Worten zusammen. Wunderschöne Monologe, die beim Sprechen tatsächlich einen Partner irgendwo an einer anderen Leitung erahnen lassen, die schmerzen und weh tun und gleichzeitig schmunzeln lassen. Durch die Videoeinspielungen (mit eigenen Texten von Dennis Palmen) und die Wahlton-Soundcollage werden die Spannungen und Gedanken wunderbar verdeutlicht und lockern den manchmal schweren Text auf.

Und immer wieder ein großes Kompliment an Franka von Werden, die voix humaine, die so leicht den Text aufzusagen weiß, als wäre es ihr eigener.

„Ich habe das alles gewusst. Ich habe das alles kommen sehen. Aber ich wollte …”