Rezensionen

Der Tod in Venedig

Von Timon Jansen

Der Tod in Venedig Revisited!

Was ist das nur für ein seltsamer Gustav von Aschenbach, der da, nach dem Knaben lechzend, all seine Anmut verliert? Es geht um Christian Dolls Inszenierung von Thomas Manns „Der Tod in Venedig“ am Düsseldorfer Schauspielhaus. Der Trend, einem berühmten Prosatext eine Theaterfassung gegenüberzustellen, endet oft darin, den Originaltext in ein viel zu enges Korsett zu zwingen. Dann muss man halt stopfen. In dieser Fassung entschied man sich für zwei Rollen: „der Eine“ und „der Andere“. Während Wolfgang Reinbacher als „der Eine“ hauptsächlich von Aschenbach darstellt, mogelt sich „der Andere“, gespielt von Daniel Graf, durch sämtliche Charaktere, sei es der geschminkte Greis, der Gondoliere oder ein Hotelangestellter. Die Distanz zu dem Original ist auch gewährt, indem Graf sich als eine Art auktorialer Erzähler entpuppt, aus Aschenbachs Manuskript vorliest oder dem Verwirrten als Freund Fragen beantwortet. So sitzen die beiden trinkend am Strand, duzend und spaßend, und springen von ihren Sandstühlen, als der Knabe an ihnen vorbeigeht, wie zwei trottelige Spanner, die einer schönen Frau hinterher gieren. Wahrhaftig, das ist ein seltsamer von Aschenbach. Der Zuschauer wird natürlich mit einbezogen, aktiv und passiv: Den Knaben muss man sich vorstellen, die Handlung wird oft durch die Wiedergabe von Textpassagen vorangetrieben. Außerdem durfte ein Zuschauer die beiden am Strand knipsen. Richtige Touristen halt, die sich anscheinend auch nicht so ganz in ihrem Werk auskennen. Die Magie Thomas Manns Meisterwerk geht verloren sowie der typische Charakter eines Bildungsromans. Durch die übertriebene, flache Erotik wird die Novelle schamlos parodiert: Von Aschenbach wirkt nicht mehr wie Viscontis würdevoller Beobachter, sondern wie ein unbeholfener, alter Spanner. Außerdem ersetzt Daniel Graf durch Antworten und Hilfestellung seinerseits einen Großteil der höchst interessanten Gedanken, die von Aschenbach in seiner Verliebtheit erarbeitet. Dennoch gibt es ein Gutes an dieser Interpretation: Das Bürgertum wird entlarvt, ihm wird der ganze Glanz genommen; plakativ und schamlos zerbricht das Heiligtum „Der Tod in Venedig“. Höhepunktartig wird dies in dem Monolog des „Anderen“ festgehalten, in dem er, stellvertretend für die Szene der Musiker, auf einer Bühne mit Mikro in der Hand sexistische Witze über einen jungen Stricher macht, der einen Schwanz verschluckt hat. Es stellt ein weiteres Mal die wichtige Frage der Aufarbeitung und des Umgang renommierter literarischer Werke, die bist dato als unantastbar galten. Leider kann die neue Fassung dem Original nicht das Wasser reichen, so gerne ich es auch gewollt hätte. Aber zum Glück gibt es ja genügend Beweise, dass dies der Fall sein kann.

Veranstaltung: Der Tod in Venedig