Von Eilsabeth Mader
Viele Türen, alte knallbunte Tapeten, ein Kofferfernseher, eine Ledergarnitur mit Beistelltisch und ein Kuhfell sind die ersten Eindrücke. Der Musiker spielt das Telefonklingeln ein und Dotty betritt die Bühne, mit einem Teller Sardinen in der Hand. Sie gibt an, dass niemand im Haus ist, alle Anwohner würden sich gerade in Spanien befinden. Doch dann betreten die ersten beiden Akteure das Haus, immer in dem Glauben, alleine zu sein. Nach einer kurzen Zeit verschwinden die zwei in den ersten Stock und das zweite Pärchen kommt in ein offiziell verlassenes Haus. Ein wildes Versteckspiel beginnt, Türen gehen auf, Türen gehen zu, Requisiten werden von den Schauspielern falsch platziert. Als dann noch ein Einbrecher dazu kommt, ist das Chaos perfekt. Der eine hat Angst vor der Steuerbehörde, der nächste beschwert sich, irgendwelchen Plunder stehlen zu müssen, obwohl er doch früher Stahltresore gesprengt hat und die anderen wollen einfach nur ihre Ruhe haben.
Man merkt jedoch, dass irgendetwas an der Situation nicht ganz richtig sein kann. Denn plötzlich kommt aus dem Zuschauerraum die Stimme des Regisseurs. Anweisungen, welche Requisite wann wohin und vom wem mitgenommen werden soll. Die Schauspieler fangen immer wieder an, den Sinn der Dialoge und Handlungen zu diskutieren. Darunter zu leiden hat vor allem auch Poppy, die Regieassistentin. Wir befinden uns nämlich mitten in der Generalprobe von „Nackte Tatsachen“. In 24 Stunden ist Premiere und die Schauspieler sind alles andere als sicher. Man ahnt, dass es schief gehen wird. Mit Mühe und Not schaffen sie einen mehr oder weniger flüssigen Durchlauf des Stückes und die Premiere rückt immer näher.
Im zweiten Akt sieht man die gesamte Szenerie aus Sicht der Schauspieler, die Bühne wurde gedreht und man steht nun selbst Backstage. Wir befinden uns auf Tournee, einige Male wurde das Stück nun schon gespielt und die komplizierten Auf- und Abgänge sitzen. Doch während dieser Zeit haben sich gravierende Probleme zwischen den Schauspielern selbst aufgetan. Der eine ist verliebt in die andere, die zweite darf aber nichts davon merken, die Alkoholprobleme von unserem Einbrecher werden immer schlimmer, Dotty schließt sich in ihrer Garderobe ein und ein anderer ist gar nicht mehr auffindbar. So verschiebt sich auch der Beginn der Vorstellung immer weiter. Was keiner weiß, der Regisseur, der eigentlich gar nicht da sein sollte, erahnt durch die widersprüchlichen Zeitansagen das Chaos hinter der Bühne. Er stürmt rasend vor Wut hinter die Bühne und vergrößert so die angespannte Situation nur noch mehr. Auf- und Abgänge werden nur knapp eingehalten, Darsteller müssen sich in waghalsigen Sprüngen vor den Blicken der Zuschauer in Sicherheit bringen, wenn eine der vielen Türen aufgeht, andere sind kurz vor ihrem Auftritt mit ganz anderen Dingen beschäftigt und werden von Regieassistenz und den Kollegen auf die Bühne bugsiert. Kleine Gemeinheiten, als Rache für private Streitereien, bleiben nicht aus: Zusammengeknotete Schnürsenkel bescheren Garry einen Treppensturz, die Sardinen durchnässen Haare und Oberteil von Dotty und zwei weitere Schauspieler können nicht auftreten, da ihre Kostüme hinter der Bühne festgeknotet sind. Mehr schlecht als recht wird auch dieser Auftritt wortwörtlich über die Bühne gebracht.
Für den dritten Akt wird die Bühne wieder gedreht und der Zuschauer ist wieder Zuschauer. Man erkennt zwar das gleiche Stück, doch der Wahnsinn erreicht seinen Höhepunkt, Requisiten fehlen, oder sind da, wenn sie nicht da sein sollten. So erklingt unter vielen weiteren der Satz „Die Sardinen! – Sie sind weg!“ vor einem vollen Teller von ebendiesen. Man hört lautes Geschepper hinter der Bühne und im Anschluss ziert Dottys Knie ein großes blutiges Pflaster; was wieder für einen Kollegen ein Problem darstellt, da er kein Blut sehen kann. Außerdem stehen statt dem einen plötzlich drei Einbrecher auf der Bühne, Garry stürzt die Treppe hinunter und die Live-Musik hält sich auch nicht mehr an das Drehbuch.
Obwohl das Stück „Der nackte Wahnsinn“ von Michael Frayn – von Amélie Niermeyer inszeniert – über zweieinhalb Stunden dauert, ist es ein sehr kurzweiliges. Man empfindet Sympathie für die Spieler und Figuren, leidet mit, ist jedoch auch manchmal verleitet, etwas schadenfroh zu sein, wenn das eine oder andere doch nicht so klappt. Spannend ist vor allem der Blick hinter die Kulissen, man sieht als Zuschauer erstmal die andere Seite des Theaters, die meist im Verborgenen liegt. Ein so kompliziertes Stück dreimal in einer anderen Version mit verschiedenen Wiederholungen und Unterbrechungen so zu spielen, verlangt Höchstleistungen, geistig aber auch körperlich. Meine Hochachtung vor der Leistung der Darsteller.




