Von Susanna Ott
Das Düsseldorfer Schauspielhaus lädt uns an einem warmen Sommerabend in das Thai-Vietnam-China-Restaurant „Der Goldene Drache“ ein. Hiermit lade ich Euch zu drei guten Gründen ein, ebenfalls in diesem Restaurant einzukehren und die Inszenierung zu genießen.
I
Das wunderbare Bühnenbild, dessen Raffinement sich erst während des Stückes erschließt. Bevor das Stück beginnt, betrachtet man lediglich eine weiße Wand mit einem eingelassenen Glaskasten, einer Art Aquarium, das mit ein paar grünen Pflänzchen und weißem Dunst gefüllt ist. Auf die weiße Wand wiederum wird das Getummel eines Aquariums projiziert. Kochgeräusche erschallen und das Stück beginnt.
Ein junger Koch in der winzigen Küche des Restaurants hat Zahnschmerzen und seine Kollegen entscheiden sich, den faulen Zahn mit einer roten Rohrzange zu ziehen. Während wir dem Treiben der Restaurantküche lauschen, sehen wir jedoch keine Schauspieler, nur den Nebel im Glaskasten und die Goldfische. Anfangs bleiben so die Motive und Geschichten des Stückes noch in jenem Nebel verborgen, bis sich dieser wortwörtlich lichtet. Der Dunst im Glaskasten verschwindet und wir sehen auf einmal die andere Hälfte des Publikums; uns auf der anderen Seite der Bühne gegenüber sitzend. Auf Ihrer Bühnenseite befinden sich auch die Schauspieler, die dort ihre Texte hörspielartig, mit selbst gemachten Geräuschen, vortragen. Ab und an treten Sie durch eine Tür auf „unsere“ Seite der Bühne, die in die weiße Wand eingelassen ist.
II
Die Sprache des Stückes. Kein einziges Mal fällt bei den Schauspielern das Wort ICH. Niemand in diesem Stück spricht über sich selbst. Jede Figur übernimmt die Perspektive einer anderen. Dialoge werden erzählt oder in der dritten Person wiedergegeben. Durch ihr Sprechen nehmen Figuren, die lediglich „Frau über 60“, „Mann mit gestreiftem Hemd“ und „der alte Mann“ heißen, die Position von Unbeteiligten an. Dabei bilden sie und die Erzählfragmente die Geschichte der Hausbewohner, die neben und über dem Restaurant wohnen. Wir erfahren dabei nicht nur die Geschichte des jungen Chinesen, sondern auch die Geschichte seines Zahnes, der, nachdem er gezogen worden ist, in der Thai-Suppe Nr. 6 landet, die wiederum auf dem Tisch zweier Stewardessen landet. Je mehr sich der Nebel in dem Glaskasten lichtet, desto mehr verdichtet sich die Geschichte auf der Bühne.
III
Es ist eine Geschichte mit Migrationshintergrund, deren Tragik sich in der Fabel von „Der Grille und der Ameise“ entfaltet. Denn eigentlich sucht der unter Zahnschmerzen leidende junge Chinese nur nach seiner Schwester, die ebenfalls Ihr Land verließ, um mehr Geld zu verdienen. Aber nicht nur in seinem Leben herrschen Missstände. Auch die Stewardess ist mit ihrem „Barbiefucker“ unglücklich, „der Mann im gestreiften Hemd“, kann die Trennung von seiner „jungen Frau im Kleid“ nicht ertragen und der „Lebensmittelhändler“ hütet sein Geheimnis, das der Grund für das Einwandern des jungen Chinesen mit Zahnschmerzen ist.
Dabei fasst „der Mann über 60“ diese Leiden auf seinem Balkon über „dem goldenen Drachen“ am besten zusammen:
„Wenn ich etwas ganz anderes sein könnte, als ich bin. Wenn ich etwas ganz anderes sein könnte, als ich sein muss. Dann wäre ich ein anderer Mensch.“




