Von Katja Panyutina
Der wuchtige, herzensgute, aber einfach gestrickte Germain (Gérard Depardieu) kann kaum lesen und schreiben, schlägt sich mit mehreren Jobs durch und muss sich um seine alte senile Mutter kümmern, die ihm nie auch nur ein bisschen Liebe gezeigt hat. In seiner freien Zeit bebaut er sein Gemüsebeet oder trifft sich mit Freunden in der Stammkneipe. Manchmal geht er aber auch allein in den Park, um sein Sandwich zu essen und dabei die Tauben zu beobachten, denen er allen Namen gegeben hat.
An einem sonnigen Tag lernt er dort zufällig die zierliche, etwa 90-jährige Margueritte (Gisèle Casadesus) kennen. Sie ist nicht nur optisch das komplette Gegenteil von Germain: Während er mit Büchern nichts anfangen kann, ist für die kleine alte Dame, wie Germain feststellt, das Lesen so essentiell wie das Atmen. Immer hat sie ein Buch dabei, mit dem sie ihren Nachmittag verbringt – an diesem Tag ist es Albert Camus’ „Die Pest“. Sie liest Germain einfach einige Auszüge vor, er schließt die Augen und findet plötzlich Gefallen daran, sich das Vorgelesene bildlich vorzustellen.
Margueritte beginnt nun Germain regelmäßig vorzulesen und führt ihn in die verworrene Welt der Wörter ein. Er entdeckt immer mehr, wie spannend Sprache und Geschichten sein können. Und merkt bald, dass er in der Lage ist, sich an die schwierigste Hürde seines Lebens heranzuwagen – das Vorlesen. Denn als er erfährt dass Margueritte bald erblinden wird und das Lesen aufgeben muss, beginnt er mit Hilfe seiner Freundin, laut lesen zu lernen, um Margueritte vorlesen zu können.
In einer wunderbaren Mischung aus guter Laune und Melancholie erzählt „Das Labyrinth der Wörter“ die Geschichte zweier Menschen, die durch einen kleinen Zufall die Freundschaft fürs Leben finden und lernen, die Hoffnung nicht aufzugeben. Gisèle Casadesus und Gérard Depardieu geben dabei ein wunderbar herzliches und lustiges „Paar“ ab. Man stelle sich einfach vor, wie ein riesiger Mann in Arbeiterkluft versucht einer kleinen alten Dame das Wort „Sackratte“ zu erklären und sie ihm die rhetorische Figur Litotes.
Der Film lebt von solchen kleinen lustigen oder auch traurigen Momenten – und das macht ihn so menschlich. Man lacht und schüttelt gleichzeitig den Kopf, wenn Germain wieder in ein Fettnäpfchen tritt; freut sich, als einer seiner Sprüche endlich ins Schwarze trifft und trauert mit ihm, als seine Mutter stirbt oder Margueritte in ein weit entferntes Altenheim verlegt wird.
Melancholisch machen aber nicht unbedingt die traurigen Momente der Geschichte, sondern eher die Tatsache, dass der Film in seiner Art so naiv ist. Warum naiv? Weil man ihn sieht und weiß, dass das Leben anders ist. Dass solche Menschen sich meistens nicht finden. Dass solche Geschichten Glücksfälle sind. Aber er erinnert uns auch daran, dass ein Glücksfall erst dann zu einem solchen wird, wenn wir uns darauf einlassen. Und dass es auf der Welt viel mehr solcher Glücksfälle gäbe – mit ein bisschen mehr Menschlichkeit.




