Rezensionen

Anna Mendelssohn: Cry Me A River // FFT // 11.07.11

Von Antonia Beeskow

Man hat lange auf sie gewartet.

Der Raum ist kalt, in dem ein langer Konferenztisch steht, mit einer weißen Tischdecke, Kaffeepappbechern und Wassergläsern bedeckt. Am Tisch sitzt Anna Mendelssohn in grauem Nadelstreifenjackett, Businessmanier und schaut streng in die Menge. Sie hat diesen kalten, eisblauen Blick, der sich farblich mit ihrem T-Shirt in türkis trifft. Sie beginnt.

Ein Freund von ihr, ein Inuit, habe sie angerufen. Sie erzählt vom Schmelzen der Polkappen, dem Sterben der Tiere, der Eisbären, der Inuit, da diese nicht ohne das Eis überleben können. Sie fängt das Publikum ein, mit ihrer ruhigen Stimme, die immer schneller, immer ausdrucksvoller wird, aber immer noch leise ist. Sie erzählt von dem Leben der Inuit, der Vorstellung, dass die ganze Welt schneebedeckt sei, ein einziger Horizont. Dann ertönt eine dramatische Musik, sie muss weinen, ihr Tränenstift, den sie sich unter die Augen reibt, lässt ihr keine andere Wahl, was dazu führt, dass diese ganze Erscheinung etwas tragikomisches an sich hat, denn da sitzt diese Frau im Anzug und spricht über die allseits bekannte, bevorstehende Klimakatastrophe und weiß nicht weiter als zu weinen. Und es fühlt sich so echt an.

Das sind nicht Anna Mendelssohns Worte, vielleicht sind es die eines Aktivisten, der seine Erfahrungen mit dem Klimawandel in einem Internetblog untergebracht hat, den Anna Mendelssohn für ihre Recherche benutzt hat. So spricht aus ihrem Munde auch ein Philosoph, Politiker, Medienvertreter und ein Wirtschaftsvertreter. Oder sie erzählt von sich selbst, von ihren eigenen Sorgen, Zukunftsängsten, die, das wird klar, so winzig und so leicht lösbar neben unserem grillenden Planeten aussehen. Was kümmert uns denn, dass es jetzt wärmer ist? Ist doch schön. Nur, wenn man bedenkt, dass sich unser Planet innerhalb eines Jahrhunderts so stark erwärmt hat wie in mehreren Millionen Jahren, erscheint das doch nicht mehr so unwichtig. Wollen wir ganz von vorne anfangen? Tut uns das gut? Warum gerade jetzt? Um die Entwicklung der Welt und vor allem ihre Spontaneität zu verdeutlichen, schlägt Anna Mendelssohn vor, eine Tanzimprovisation durchzuführen. Sie tanzt in harten, kraftvollen Bewegungen, schneller, manchmal auch langsamer. Es geht um Kraft. Danach zückt sie wieder ihren Tränenstift, weint und wischt sich eine weißliche Tinktur aus ihrem „Schminkköfferchen“ ins Gesicht, lächelt.

Das Spannende an Anna Mendelssohns One-Woman-Performance „Cry Me A River“ ist ihre Vielseitigkeit, ihre Vielschichtigkeit und Virtuosität der Künstlerin. Anna Mendelssohn sprüht vor Dynamik, ist ironisch, böse, neurotisch und unheimlich traurig. Während der Großteil der Performance auf Englisch war, begann die Wienerin deutsch zu sprechen, was so urplötzlich ganz komisch erschien. Diesmal sprach ein Verschwörungstheoretiker aus ihr, dass die Welt durch „grüne“ Einschränkungen, Nachhaltigkeitsgesetze und Öko-Fanatiker sich in grüne Diktaturen entwickelten, in denen buchstäblich das Leben eines Apfels mehr als die Menschenrechte zählten. Ein „grüner Adolf“ würde auf das weltliche Bioholz-Parkett treten. Eine groteske Vorstellung.

Aber wir müssen handeln, wir dürfen nicht schlafen und denken, es wäre nicht so weit, der ökologische Zusammenbruch unserer Erde liegt vor unserer Nase! Anna Mendelssohn schreit Bioparolen in den Raum von einer nachhaltigeren Welt. Dann ist sie wieder am Nordpol und weint, die Polkappen schmelzen, das Eis schmilzt und ebenso schmilzt der Tränenstift hinweg. In ihrem Gesicht hängen Fäden der weißen Tinktur; sie sehen aus wie Hautfetzen. Oder aber wie gepellte Haut. Vielleicht regeneriert sie sich?

Abschließend verliest Anna Mendelssohn mit einem Lächeln auf den Lippen Tipps, wie man sich nachhaltiger verhalten könne. Beispiele: Benutz den Fahrstuhl nicht, Kauf Second-Hand, Mach das Licht aus, wenn du aus dem Zimmer gehst. Tatsächlich geht das Licht aus, lange herrscht perplexes Schweigen bis jemand klatscht, viele klatschen – eine etwas andere Klimakonferenz. Ernsthaft, schnörkellos und unheimlich ehrlich.