Von Andreas Kleindopf
Stillstand: Herzkreislaufsystem
Schwedens Aushängeschild „Cirkus Cirkör“ in Düsseldorf – das hat man nicht alle Tage, sondern nun zum vierten Mal. Und da sich der altstadtherbst mit seinem Theaterzelt auf dem Burgplatz eben stets für professionelle Darbietungen anzubieten versteht, wurde hier mit „Inside Out“ die Deutschlandpremiere gefeiert. Gleich beim Einlass überrascht die schwedische Truppe mit einigen Improvisationen, so dass der endlose Stau auf der Oberkasseler Brücke und somit der leicht verspätete Beginn überspielt werden konnte. Aber nun Handy aus und Kamera weggeworfen – es geht los!
Aktion: pumpen, fühlen, pumpen
Das Licht geht aus, während sich die bunten Sitze schon im Rücken abmalen und die Künstlerschar ihr Esprit bereits mit englischen Phrasen zu versprühen versucht. Sofort werden zwei trübe Alltagsmenschen von der auffälligsten Hauptulknudel aus dem Publikumsbereich gezogen und auf die Bühne applaudiert. Mit dem spürbaren Ausdruck, diese wieder schnell verlassen zu wollen, halten sie den wenig komischen Fragen des Akteurs halbherzig stand und werden dabei zur Lachnummer. Und gleich schlagen die Zuschauerherzen vor Angst lauter und schneller; das Gemurmel wird groß: „Muss ich da etwa auch auf die Bühne und mich ebenso zum Affen machen lassen, wenn der Verrückte auf mich zeigt? Ist mein Englisch überhaupt gut genug, dem Schweden halbwegs antworten zu können, wenn der mich was fragt?!“ Doch das Publikum wird getäuscht. Schon nach wenigen Minuten ist klar: dieser Alltags-Mann und diese Alltags-Frau gehören so zum Programm wie der Zirkus selbst. Aber die Spannung zwischen Herz und Angst bleibt bestehen: denn sie ist auch Thema auf der Bühne. Mit angstvoller Mimik muss die Alltags-Frau mit ansehen wie ihr Herz heraus gerissen und dann in ihre eigenen Hände gelegt wird. Das Metapherlabyrinth beginnt und prompt wird die Frau in das bunte Zirkusuniversum hineingezogen. Bei all dem Tamtam beginnt sie, ihr Leben auf eine neue Art und Weise zu erfahren. Je länger sie hier verweilt, je länger sie verklemmt zwischen all den Artisten steht, umso deutlicher und leidenschaftlicher schlägt ihr Herz: Aus dem angstverstörten Niemand wird eine wahre Zirkus-Artistin. Doch bis dahin ist es ein spannender Weg – es werden waghalsige Kunststücke integriert, Taucheinlagen in Blutbahnen absolviert, Balanceakte auf Flaschen gespielt, ästhetische Trapezkünste vollzogen, Lebenslinien entlang gelaufen, Arme verdreht, Skelette als Tanzpartner gewählt und Schaukelpferde wie Flugzeuge verwendet. In einem selbst regt sich allmählich der Gedanke: das Zirkusleben kann tatsächlich poetisch sein. Ob man selber nicht doch auf die Bühne möchte, damit einem das Herz des Geschehens näher erscheint, fragt sich der Besucher und beantwortet dies mit endlosem Stehapplaus. Scheint damit also die Mission Cirkus Cirkör geglückt?
Fazit: Musikalisches Hohlorgan
Mit „Inside Out“ entlässt der Zirkus die Besucher mit vielen herzlichen Erinnerungen in den frühen Herbst. Unumstritten: So detailverliebt hat sich wohl lange niemand mehr dem Herzen widmen wollen. Manchmal überladen wie ein barockes Kunstwerk, ist dem Betrachter aber nicht immer ganz klar, worauf er eigentlich achten soll. Oft wird eine Handlung vermutet, die aber dann dem Kopf-Herz-Konflikt nicht standhält und letztlich als Poesieversuch abgestempelt wird. Dann erfreut man sich, den ein oder anderen Zaubertrick überstanden zu haben und zeitgleich geschieht im Hintergrund etwas so Komplexes, dass es zum chronischen Übersehen einlädt. Es mag an der artistischen Willenskraft eines jeden Blickes liegen, die dargebotene Reise ins Innere des Menschen zu verstehen. Wer sonst nicht über Clowns lachen will, der wird auch hier nicht lachen. Wer sonst nicht gerne einen Zirkus besucht, der kann hier aber trotzdem Stammgast werden. Das ist vielleicht das ganze Geheimnis um den schwedischen Zauber, eben mehr als nur Zirkus zu sein.
Als Höhepunkt kann die Live-Musik von Irya’s Playground gehandelt werden. Wenn Irya Gmeyner zu singen beginnt, möchte Gänsehaut bis zu den Mundwinkeln auftreten. So perfekt ist die leicht-ruhige bis rockige Live-Musik mit der Handlung in Einklang gebracht. Nicht selten erwischt man sich dabei, die eigene Aufmerksamkeit mehr der Band als den Akrobaten selbst zu schenken. Und wenn die sympathischen Skandinavier zum nächtlichen „chatten“ einladen und ihre CD persönlich verkaufen, dann nimmt man natürlich eine mit. Der Herbst ist schließlich noch lang.




