Rezensionen

Cesc Gelabert tanzt ein Solo von Gerhard Bohner

Von Melissa Waßmuth

Cesc Gelabert redet viel während des Publikumsgespräches, welches nach der Aufführung stattfindet und ist dabei nicht nur Solo-Tänzer, sondern selbst einer der Zuschauer. Er interpretiert und versucht zu verstehen, bietet Raum für Auslegung, füllt gleichzeitig die Choreographie mit Inhalt, kurz: macht Kunst. Was ich gesehen habe, war ein intensiver Prozess des Nachdenkens, Experimentierens und Schaffens voller klarer Linien und starker Kontraste, voller Langsamkeit und gleichzeitig angedeuteter Kraft.

„Übungen für einen Choreographen“, so ein Teil des Titels: Ein Choreograph nimmt sich seiner Arbeitsmaterialen an: dem Raum, dem Licht und dem menschlichen Körper. Er wird vertraut mit seiner Umgebung und kann sich langsam lösen. Kann sich lösen von den Wänden und mit seinem Schatten interagieren, anstatt ihn nur zu werfen. Er findet größere Bewegungen, dennoch ungemein präzise und reduziert, in festen Bahnen verlaufend wie der angedeutete Kugelstoß unterstreicht. Während zu Beginn des ersten Teils Händels Musik noch zu voll und erdrückend scheint, kann der Tänzer auf der Bühne sich dieser Fülle immer mehr annehmen und sie am Ende selbst ausfüllen. Der zweite Teil bedeutet Reifung. Aus den Überlegungen vom Anfang werden mehr und mehr konkrete Bewegungen, die weitergegeben werden können. Die Interaktion findet auf der Bühne mit einer Holzpuppe statt, wie man sie aus dem Zeichenunterricht kennt. Auch mit ihr entwickelt sich ein Prozess – von anfangs noch scheinbar aufgezwungenen Bewegungen zu einem angedeuteten Pas-de-deux.

Rekonstruktion oder Re-interpretation? Gelabert übernimmt eins zu eins bis hin zu den Requisiten von Gerhard Bohner, keinerlei Interpretation. Diese findet erst hinter den Augen und Ohren eines jeden statt. Bei Gelabert genauso wie beim Zuschauer. Was wir verstehen und mitnehmen bleibt uns überlassen, die Reduktion der Choreographie lässt viel Raum dafür, ihre Konzentration stellt aber sicher, dass keiner unberührt bleibt. Es regt zum Nachdenken an. Es ist ungemein überzeugend durch eine stille Zurückhaltung, welche man gerne zurück mit in den Alltag nimmt.