Rezensionen

Berlin bei Nacht

Von Claudia Lapin

Mit Graffiti bemalte Wände, in rotes und blaues Licht getaucht. Lange Beine zwischen dunklen Gitterstäben. Ein, sich biegender, Frauenkörper und feuerrote Lippen, die bedroht sind von einem tätowierten, maskierten Mann geküsst zu werden.
Ein anderes Bild, ein anderer Raum, doch ein ähnlich laszives Szenario, das eine Frau, umringt von vier Männern, zeigt.

Unter dem Titel „Berlin bei Nacht“ zeigt das NRW-Forum, vom 15. Dezember bis zum 13. Februar, die insgesamt 33 Arbeiten der Fotografin Ellen von Unwerth, die im Auftrag für Schwarzkopf „Looks for you 2010“ entstanden sind. Die, in Paris lebende, Deutsche gilt als einer der renommiertesten  und einflussreichsten Fotografinnen des 21. Jahrhunderts und arbeitete bereits für alle Zeitschriften, die Rang und Namen haben. Mit ihrer Guess-Kampagne machte sie Claudia Schiffer berühmt und war ebenfalls die Entdeckerin von Nadja Auermann.Aber auch vor der Kamera macht sie eine gute Figur. So arbeitete sie in den 70ern als internationales Model, und begann so ihre beeindruckende Karriere im umkämpften Modebusiness. Die ausgestellten Fotos scheinen nun genau das bunte, schrille und aufregende Nachtleben widerzuspiegeln, das Models nunmal klischeehaft zu haben pflegen.

Als Betrachter hat man das Gefühl, in der Rolle des Versagers zu stecken, der als einziger kein Teil dieser hemmungslosen und exzessiven Party sein durfte und die Chance verpasst hat, mit Coco Rocha und Lydia Hearst auf den Tischen zu tanzen.

Es gibt wohl keinen besseren Ort als die Berliner Szenedisko „Tresor“, um dieses pulsierende  Nachtleben der Stadt einzufangen. Genau zwischen diesen grauen, mit Graffiti bemalten Betonwänden scheint der Zeitgeist des 21. Jahrhundert zu schweben. Auch die kühle, subtile Erotik, die schon beinahe ein Markenzeichen von Unwerths Fotografien ist, ist hier kaum zu übersehen. Spielerisch lässt sie auf der einen Seite die Rollen von Mann und Frau ineinander verschwimmen, indem sie den Models Zylinder aufsetzt. Auf der anderen Seite hebt sie insbesondere die weiblichen Reize hervor. Mit aufreizenden Posen provoziert sie ein leichtes Erröten des Betrachters, geht doch nicht so weit, ihn zu beschämen.

Diese Ausstellung trifft genau meinen Geschmack. Zwar sind diese Fotos „nur“ Teil einer Kampagne, sie eignen sich jedoch sehr wohl als Ausstellungsstücke. Wer jedoch vor hat sich stundenlang  vor jedes einzelne Foto zu stellen, um jegliche Interpretationen und Analysen der dargestellten Szenarien durchzuführen, wird enttäuscht werden, denn er wird keinen tieferen Sinn und Inhalt finden können. Diese Ausstellung macht einfach Spaß. Auf den Fotografien wird genau das dargestellt, was der Betrachter sehen soll, nämlich das, was auch die Partygesellschaft sieht: Berlin bei Nacht.

Veranstaltung: Berlin bei Nacht