Rezensionen

Barfuß auf Nacktschnecken // Filmkunstkino // 19.05.11

Von Katharina Mannel

Mit nackten Füßen auf glibberige sich schlängelnde Schnecken treten oder aus den Fell verstorbener Tiere Pantoffeln machen – was sich eher nach einem Horrorfilm anhört, entpuppt sich als ein sommerleichtes, märchenhaftes, in manchen Strecken heftiges Drama über eine ungewöhnliche junge Frau und ihre kleine Schwester.

Regisseurin Fabienne Berthaud gestaltet ihren zweiten langen Kinofilm als Hommage an die Figur der jungen Lily (Ludivine Sagnier). Die ausgesprochen gefühlsbetonte, oft kindliche Frau scheint in keine Schublade zu passen. Klar ist nur, dass Lily jemanden braucht, der auf sie aufpasst. Als ihre Mutter ganz plötzlich stirbt, ist Lilys ältere Schwester Clara (Diane Kruger) gefragt. Die kümmert sich zunächst mehr aus Pflichtbewusstsein um den unberechenbaren Wildfang. Aber durch die Konflikte mit der gnadenlos ehrlichen Lily entdeckt auch die angepasste Clara eine freiheitsliebende Seite an sich. Doch das stellt zugleich ihre Ehe mit dem biederen Pierre (Denis Ménochet) auf eine Zerreißprobe.

Schon in ihrem Erstling „Frankie“ bewies Fabienne Berthaud, dass sie ein Händchen für Grenzerfahrungen hat. Damals ging es um ein Model, das dem Druck der Schönheitsindustrie nicht mehr gewachsen ist und in der Psychiatrie landet. Auch in „Barfuß auf Nacktschnecken“ erkundet die Regisseurin Gefühle und Handlungen, die man als anti-konform beschreiben könnte. Sie zeigt Lily, so wie sie ist: ohne Urteil, mit viel Sympathie, aber ohne Verklärung – sie verzichtet auf jegliches psychologisches Sezieren ihrer Figur. Denn Lily ist anders. Sie liebt die Natur, umgibt sich mit allerlei Tieren und macht aus deren Fell, wenn sie gestorben sind, kleine kunsthandwerkliche Gegenstände, vorzugsweise Pantoffeln. Lily lebt ihre Gefühle so direkt aus wie ein Kind, ist aber zugleich eine erwachsene Frau, die ihr Recht auf Sexualität mit aller Unbefangenheit einfordert. Sie bewegt sich zwischen Kind und Frau, verspielt und erwachsen zugleich und altersmäßig einfach nicht zu fassen.

Ludivine Sagnier meistert mit dieser Rolle eine große Herausforderung. Sie taucht mit ihrer ganzen Körpersprache tief in kindliche Gefühle ein, lässt aber nie den Eindruck zu, ihre Figur sei einfach nur zurückgeblieben oder geistig behindert. Mit jeder ihrer Gesten lässt sie die ureigene Logik spüren, nach der jemand funktioniert, der ganz in seinen Bedürfnissen aufgeht und keine Rücksicht darauf nimmt, was die anderen von ihm denken.

Dass aus den gegensätzlichen Frauen am Ende zwei den Tag und den Moment liebende Schwestern werden, wie die Leute glauben, ist genauso der Verdienst von Diane Kruger. Sie legt die Rolle der vernünftigen Clara von Anfang an so an, dass man auch das Unglück spürt, das aus der Selbstkontrolle erwächst. Und so wirkt es ebenso wundersam wie glaubwürdig, wenn Clara irgendwann die Rolle wechselt und nur noch in den Tag hineinlebt, während sich Lily um den Lebensunterhalt dieses Dreamteams kümmert. Wie traumhaft diese Geschichte auch manchmal wirkt, sie weckt das Gefühl eines frühen Sommermorgens, bei dem man glaubt, dass alles möglich ist.