Von Susanna Ott
„Sie mögen doch schöne Sachen, nicht wahr, Herr Meisner?“
Doch was sein Entführer dem Milliardär Meisner als ästhetisch vorstellt, scheint unvorstellbar: Sein Entführer will das gesamte Lösegeld, eine beachtliche und für Meisner logistisch unmögliche Summe, von zehn Milliarden Dollar über dem Meer herabrieseln lassen.
Das Meer soll die grünen Scheine verschlingen und für immer zerstören, damit es im System keinen Schaden mehr anrichten kann. Ein wahrer Alptraum für den entführten Milliardär. Erst wacht er in einem ihm fremden Raum auf, umzingelt von vier, natürlich verschlossenen, Türen. Der Raum, so heißt es, entzieht sich jeglicher Realität. Meisner selbst liegt gefesselt auf einem Tisch, der in der Mitte des Raumes thront. Seinem Unterarm fehlt ein fünf Quadratzentimeter großes Stück Haut, bzw. Fleisch, das bereits mit der Lösegeldforderung und den Koordinaten für die Abwurfstelle seines Geldes an sein Unternehmen übermittelt wurde.
Auf seine wiederholte Frage – „Was wollen Sie?“ – wird er dann mit der unglaubwürdigen Forderung seines charmanten, höflichen und allwissenden Entführers konfrontiert. Denn dieser sieht Schönheit nur in der radikalen Vernichtung. Der Geldvernichtung. Um diesem Ziel nachzukommen, hat der Entführer neben Meisner 29 weitere (reiche) Männer in seinem labyrinthischen Kellerverliesen gefangen gehalten.
In Christian Dolls Inszenierung von Stephan Kaluzas „Atlantic Zero“ treten zwei Männer in einen Dialog, deren Auffassungen von Macht, Geld und der Verantwortung, die mit Geld einhergeht, nicht konträrer sein könnten.
Für den Unternehmer und den Zuschauer scheint es kaum fassbar, dass der Entführer keinen persönlichen Absichten nachgeht und dass seine Geldforderungen rein ideelle Zwecke verfolgen.
Die Frage, ob das Geld nun innerhalb oder außerhalb des Systems schadet, wird von beiden Positionen im Verlauf des Stückes erörtert, doch am Ende, wenn Meisner seine verbundenen Augen öffnet, muss auch der Zuschauer seine Augen öffnen und eine persönliche Entscheidung fällen, ob er die Herrschaft des Geldes nun annimmt oder ablehnt.




